Die letzte Sause vor der Menopause – ein Italienischer Liebhaber

5 Okt

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Ich wünschte, ich könnte im Brustton der brünftigen Überzeugung rufen „jeder braucht einen Italienischen Liebhaber!“. Aber werte Damen und Herren, das ist tatsächlich und in der fleischigen Realität nur was für ganz Hartgesottene, mit Nerven wie rohe Pasta und einer hohen Dramatoleranz, wenn es um die männlichen Primadonnen dieser Erde geht.

Im Zuge meines hormonellen Abenteuerritts lief mir also eines Abends auf der Koppel der ungezügelten Fleischeslust ein ungezähmter Süditaliener zu. Das Lasso der Libido schnalzte und ich war mittendrin im Zirkus aus Machismo Grande und Mamma-Mia-Katastrophen … Momentan sortiere ich noch die diversen Kapitel meines kalabrischen Survivaltrainings aber eine gar wunderbare Episode hab ich schon:

Nennen wir ihn Giovanni, entspricht allen gängigen Klischees, die man in Sachen Süditaliener so haben kann: Der Korpus leicht viereckig, nicht allzu groß, wenig Bein dafür um so mehr Brusthaar. Die hart aus der Norm trainierte Oberkörpermuskulatur vom goldenen Halskettchen zusammengehalten. Tiefstimmig, stopplig und durch ruppigen Charme bestechend. Holpriges Italodeutsch in tiefstem Bariton.

Der stolze junge Mann hält gerne Monologe und Vorträge, deklamiert dramatisch wie es um mich stünde, seitdem er weiß, dass ich kein Kind von Traurigkeit war und zeitweise als Schwester von Courtney Love mit Schaum vor dem Maul die Ecken der Diskos ausleckte.

„Läa“ – der Italiener per se kann das „e“ in meinem Namen nicht so gut leiden, fühlt sich aber sehr angezogen vom „ä“. „Läa, hast Du einmal Drogä genomme, wirst Du immer Drogä nehme!“ – er verabscheut Rauschmittel außer Jack Cola in suizidalen Mengen und hat auch noch nie irgendwelche Drogen konsumiert.

Ich bin in Berlin, besuche eine Freundin samt Kind. Wir entertainen den Sprössling und sind ganz manierlich im Charlottenburger Altbau. Was vormals das Berghain war ist nun Bananenbrei im Gläschen, die Afterhour gibt’s nur noch auf dem Wickeltisch. Da klingelt mein Telefon.

Es krächzt: „Läa habe isch Drogä genomme, weiß isch nicht wo isch bin! Bin isch allein, kannst Du misch holen?“. Da hat wohl jemand Dynamit in der Cannelloni. Mit Engelszungen erfrage ich aus meinem matschigen MDMA-Gegenüber die in sich aufgelösten Eckdaten. Ich höre Geschichten von einer After Hour, Nutten, Hells Angels und Drogencocktails. Ein Groschenroman des Rotlichtmilieus. Der Mann ist so breit wie hoch.

In Berlin wird mittlerweile das Kind mit grenzdebilem Singsang in Babysprache bespasst, um es davon zu überzeugen, dass so ein Kleinkinderleben dann doch nicht so ganz scheiße ist.

Giovanni steht am Rande der Stadt an einer Bushaltestelle und will vor lauter überbordender Serotoninausschüttung die Ampeln umarmen. Warum ich? Warum mir? „Läa, bin isch hier mit Hells Angels, lauter große Männer mit viele Tattoos, aber Läa habe isch keine Angst, bin ich mafiosisch!“. Das beruhigt mich ungemein.

Irgendwann habe ich ihn so weit in den Bus einzusteigen. „Läa muss ich Ticket machen!“. Zutraulich wie er ist brüllt er zum Einstieg „hab ich erste Mal in mein Läbän Drogä gemacht!“ ins Fahrzeug. Gut sediert ist rein zwischenmenschlich halb gewonnen im öffentlichen Augsburger Nahverkehr.

Inmitten von Lalala, lustigen Tanzeinlagen und fliegenden Bauklötzen klingelt wieder mein Handy:

„Läa bin ich so allein aber habe ich neue Freund gemacht“. Ah ja? Das wundert mich in dem Zustand gar nicht. Mein Ohr wird weitergereicht und ich spreche mit dem Busfahrer, der sich höflich als Bernhard vorstellt und vorsichtig fragt, was er denn nun mit den jungen Mann machen soll. Umsteigen soll er und dann heimfahren das fände ich am passendsten. Bernhard übrigens auch.

Charlottenburg zeigt sich unter lautstarkem Babyprotest von seiner sonnigen Seite und so traben wir, singend fürs Kinderwohl, durch den Schlosspark und machen uns zu kompletten Deppen.

Ahhhh, es klingelt: „Läa! Habe ich Bernardo (Anm. d. Verfasserin: Giovanni mag den Busfahrer) Deine Foto gezeigt, er iste ganze värliebt in Disch. Gebe isch Deine Handynummer und wir machen Termin! Können wir essen mit Bernardo Muschis (Anm. d. Verfasserin: Es handelt sich hierbei um Muscheln, der italienische Mann verwechselt da manchmal was). Du bist so eine übsche Frau!“. Ich bin dieser bahnbrechenden Idee zur Vermittlung meiner Weiblichkeit nicht wirklich zugetan, aber ich werde nochmal weitergereicht und mit Bernardo verbunden, dem ich freundlich erkläre dass die Stelle des Liebhabers momentan nicht vakant, weil schon mit dem im Hintergrund krakeelenden Kalabrier besetzt ist. „Sie ist nischt meine Freundin, Sie ist Single, Bernardo kannst Du machen Termin mit ihr!“.

Auch meine Berliner Freundin wird ans Telefon zitiert und intensiv befragt, ob sie denn auch Drogen genommen hätte. Linde lächelnd schaut sie dem Kinderkotzerinnsal auf ihrem Pulli hinterher und verneint, während wir unter Entsetzen die Wahlergebnisse verfolgen und Fischstäbchen verfüttert werden, die zur Feier des Tages und der AfD auch gleich wieder rauskommen.

In der Busline 42 ist die Stimmung hingegen am Siedepunkt, eine Laola der Herzen! Bernardo und Giovanni schwelgen in ihrer jungen Liebe und der Italiener verkündet, es gefalle ihm wirklich außerordentlich gut im Bus. So fährt er dann die nächsten drei Stunden immer wieder die gleiche Schleife zwischen Königsbrunn und Haunstetten, um alle 10 Minuten ein neues, quietschfideles Kupplertelefonat mit mir zu führen.

Bernhard der Busfahrer ist sehr interessiert und gibt mir schließlich seine Handynummer. Am Ende eines langen Tages habe ich gefühlte 80 Kinderlieder interpretiert, 20 Telefonate abgewickelt und keine Sorge mehr in diesem Leben Single zu bleiben. Giovanni landet irgendwann über Umwege und nach 3 Dönern, bei denen ich mich frage, wie er die kauen konnte, doch noch in seinem Bett. Und die Moral von der Geschicht? Verführe kleine Italiener nicht.

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Immer zu Diensten!

16 Jul

 

Unter dem Motto „Die letzte Sause vor der Menopause“ gebe ich nochmal Gas auf der Überholspur des faden Daseins. Ich trinke zu viel, rauche in Schmidt’schen Dimensionen und treibe mich rum. Tag und Nacht, die Zügel der altersinduzierten Alt-Gesund-Vegan-Heilig-Selbstdisziplin ganz locker.

Es gäbe viel zu erzählen, wunderbare Schoten und Zoten, aber leider ist mir das zu privat. Frivol möchte man ja auch nicht sein. Zumindest nicht in offiziell schriftlicher Form …

Nun aber den Gaul gesattelt, die Trense maulwärts und einen freundlichen Tritt ins weiche Fleisch: Ich machte eine Reise, Städtereise in die ehemaligen Ostgebiete der Republik. Leipzsch, wie der Einheimische es durchs Zonenzäpfchen zischelt. Ansporn dieses Ausfluges war es nicht in Trekking Sandalen den geilen Bildungsrentnern durch die Innenstadt hinterher zu tattern. Nein, vielmehr sollte man auf zarten, manikürten Händen nach Pomp und Gloria getragen werden …

Ein Geburtstag. Die russische Mutter eines ebenso russischen Ehemannes, der wiederum mit dem hessischen Bruder einer ebenso hessischen Freundin von mir verheiratet ist. Bei völligem Unverständnis der Familienkonstellation, zeichne ich gegen einen Unkostenbeitrag von 5 Euro und Übernahme der Portokosten gerne einen Behelfsstammbaum zum besseren Verständnis. Im Rahmen der Feierlichkeiten kommen also vor: Ein Hesse, verheiratet mit einem Russen, die Schwester des Hessen, die Eltern der hessischen Geschwister, der Russe, die Mutter des Russen, die Schwester des Russen und die Tochter der Schwester des Russen. Und ich. Zu dieser Runde gestoßen, wie die Jungfrau zum Kinde. Wobei ich vermutlich wesentlich mehr Spaß hatte als eben diese.

Ankunft in der Zone. Ich treffe auf meine Freundin Sandra K. aus FFM, es wird ein extra für uns gebuchtes Zimmer im 20. Edelhotelstock bezogen, Panoramablick, versteht sich. In meinem Gepäck ein Spannbettlaken mit Namen „Bella Donna“, das aufgrund eines Malheurs nicht in der Wohnung meiner vorherigen Gastgeber in Augsburg bleiben konnte. Es wird also im Rollenkoffer mit mir weiter durch Deutschland reisen. Bei meinem nächsten Stopp in Frankfurt wird es dann gewaschen werden, aber das tut nichts zur Sache.

Sandra K. und ich werden ins Steigenberger an die Bar bestellt, um die Gastgeber zu treffen. Wir fühlen uns ganz dekadent, ordern eine Flasche Cremant, spreizen den kleinen Finger ab und auf unseren Köpfen wachsen Prinzessinnenkrönchen. Das illustre Paar erscheint – zwei schöne Männer, in schönen Kleidern, nicht auffällig aber auffällig gut gekleidet, onduliert und abgepudert. Einer sieht aus wie meine Freundin Sandra K. und der zugehörige Ehemann könnte auch den Zar gestürzt und der Leibgarde den Kopf abgebissen haben. Imposant russisch und bis zum Eckzahn großzügig. Letzteres gilt für beide.

Unser Pseudoprinzessinnengetue wird mit einer leicht nasegerümpften Geste in Richtung Ober nonchalant weggewischt und der Kastratenschaumwein durch echten Stoff ersetzt. Geld und Champagner fließen, ich bin eingeladen, während mir kurz und perlend durch den Kopf prickelt, dass die Zeche von 30 Minuten ungefähr meinem Tagessatz entspricht … Dies ist eine Ode an den Überfluss, den Reichtum und ein Hoch auf den Kapitalismus! Ein Ausflug ins Land von Milch, Honig und hochpreisigem Schaumwein. Allen das Gleiche? Nein! Mir das meiste! Ich scheiß auf all die kommunistischen Manifeste, Eure Armut kotzt mich an. Naja, zumindest an zwei Tagen im Jahr.

Tag Zwei trifft man sich im Downton Abbey der Neuzeit. Sanft surrend öffnet das schmiedeeiserne Tor den Blick auf ein Schlösschen, mitsamt einem Rasen, auf dem der Gärtner in Festanstellung, sich die Zeit damit vertreibt, das Gras mit Geodreieck und Nagelschere zu stutzen. Bei einer Führung der hausbesitzenden Herren durchs Herrenhaus, muss ich mich ermahnen nicht aufzukreischen, wie ein Teenager der auf der Doktor Sommer Seite in der Bravo seinen ersten Penis sieht … Schönheit mag es in vielen devisenunabhängigen Darreichungsformen geben, aber eben diese zastergeschwängerte, unermesslich teure Variante, die hier von den Decken hängt, auf den Böden fließt, sich an den Fenstern spreizt, die ist besonders schön. Teppiche, so weich, dass Füße versinken möchten, Tapeten in Farben, so strahlend, dass man sich an Wänden reiben möchte … Einladend ausladend und bis zur goldenen Oberkante mit Geschmack gefüllt.

An großen Tafeln wird getafelt. Glasuren und Marzipanrosen drapieren sich in allerlei Pastelltönen auf nicht enden wollendem luftigem Zuckergebäck während die russische Nichte nicht enden wollend in die Handykamera schmollmundet und pubertierende Duckfacegrüße ins transsibirische Hinterland schickt. Die zugehörige Mutter schickt nichts. Keinen Ton, keine Interaktion und nicht mal ein Zucken ihrer Mimik. Das macht die schöne Jubilarin wett, die mit ihren 70 zwar kein Wort Deutsch spricht aber mit heiterer Herzlichkeit und großen pantomimischen Fähigkeiten ihres Puppengesichtes glänzt.

Schon unter völligem Realitätsverlust leidend, verbringe ich Stunden in Schaumwein badend bis es draußen etwas zu heiß wird und Sandra K. aus FFM und ich einen Rundgang durch die hochherrschaftlichen Hallen starten. Wir landen im türkisen Gastgeberschlafzimmer, vor der ledervertäfelten Schrankwand in schillernden Petroltönen. Am Kaffeetisch wurde über die neuen Dienstmädchenuniformen geplaudert und siehe da, ein Exemplar ziert den Spiegel im Schlafgemach und da stecke ich auch schon drin. Drall und prall, in Flieder und Grau, mit Schürzchen und platzendem Ausschnitt, in der Hand den herrenlosen Staubsauger aus der Besenkammer. Anarchistische Dienstbotensatire auf halb pornografischer Grundlage. Sandra K. aus FFM und ich wälzen uns wild lachend auf dem Hochflorigen, üben Erobererposen mit dem erlegten Hovercraft, schweben durch eine perlende Galaxie des sich erhebenden Subproletariats …

bis sich ein Schatten in den Türrahmen schiebt. Wir schielen durch den Schampusschleier auf die Jubilarin. Schockschreckschwerenot! Stirnfalten bilden sich bei ihr, Augenbrauen werden gen Scheitel gezogen und der Mund spannt sich zum Angriff. Sandra K. aus FFM und ich schauen uns an. Rauswurf, lebenslanges Schlossverbot, Enterbung, Einkerkerung im Untergeschoss …. Der Mensch braucht Visionen. Leise brummend wogt der mütterliche Brustkorb und die Russin unserer Herzen lacht – laut, schallend und so, dass man auf der Stelle Kasatschok mit ihr und der Welt tanzen möchte.

-> Fortsetzung folgt.

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FRÜHLING, ich hör Dir wachsen!

22 Mrz
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Bild & Bearbeitung: Thomas Zufall

Das Grün knospt am Baum und kriecht in fotosynthetischer Ekstase das Blatt entlang. Die Sonne glüht schon vor, um mir ganz bald die Kopfhaut zu berauschen. Ich will kein fahles Graubraun mehr anschauen. Fauna, Flora, Straße, Himmel, Hund, mein Haaransatz und sogar die Leuchtreklame des Frischemarktes gegenüber – alles Graubraun.

Frühling! Um Dich zu locken, habe ich eine warme Sommergeschichte gefunden. Als ich Frühjahrsputz im Kopf machte, das Oberstübchen oberordentlich ausfegte, lag die da rum. Gar nicht wirklich eine Geschichte, eigentlich nur ein Bild, die Momentaufnahme eines vorbeiwehenden Augenblicks, in dem Untergiesing liebevoll zum Einstand zeigte, wie heiß es hier zugeht:

Hans-Mielich-Straße, München, ein Tag im September 2016:
Es ist früher Abend und das Tier trabt lippizanisch elegant neben mir her und hebt die Pfötchen extra affektiert beim Ausschreiten. Ich tue es ihm nach und schwenke mein Gesäß wie ein Revuepferd, als wir kichernd ob unserer Albernheiten in die Straße einbiegen.

Der kommende Anblick verbietet jedwede Beschleunigung und wir bremsen ab zu fast schon pantomimischer Zeitlupe. Gucke durch eine ebenerdige Fensterfront, an der gehäkelte Gardinen zart im Abendwind tanzen. Zwischen einer guten Deutschen Eicheschrankwand und dem gefliesten Wohnzimmertisch sitzt ein Berg gebräunten, nackten Fleisches mit dem Rücken zu mir auf einer gebräunten Couch, vor sich einen Berg gebräunten Tellerfleisches und eine ebenfalls sommerlich gebräunte Bierflasche. Ich kann den Menschkoloss nur anhand ein paar vereinzelter Härchen vom Ledersofa unterscheiden. Im Flachbildschirm gegenüber läuft lautstark die Sportschau und ich bemerke, dass seine Haare sich synchron zur Fußballübertragung bewegen. Energisch stellen sie sich in die Laufrichtung des favorisierten Teams, während der Fleischberg nur ab und an emotionslos wabert. Mein Blick wandert weiter durchs Wohnzimmer und bleibt an einer dampfenden Bügelstation hängen.

Wie im Autsoscooter gleitet das Eisen an seiner Antennenleine behende durch Krägen, über Falten, in Ärmel. Die Leitung der Mission wird von der Dame des Hauses übernommen, Frau Fleischberg, vielleicht Mitte 60, ihres Zeichens lederhäutige Herrscherin über Tellerfleisch und textile Faltenfreiheit, Königin des Hemdenplättens und stolze Gallionsfigur dieser Erdgeschossetagenwohnung.

Energisch und doch verträumt bügelt sie im Takt zum Spiel. Und während sie so fröhlich durch die Fasern fährt, schwingen ihre langen, nackten Busen, perfekt choreografiert, mit der Stadionlaola. Raum, Anstand, Etikette und Zeit vergessend stehe ich eine ganze Weile vor diesem Sommermärchen der Freikörperkultur. Als mein Kopf, mitten in Untergiesing auf der Hans-Mielich-Straße, mit fremden Brüsten schwingt, entferne ich den Hund und mich geschwind.

Also, Frühling, Oida, lass Dir was einfallen, denn das wird unser erstes Mal in Untergiesing!

Roythedog

14 Feb

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Roythedog, Roy der Hund, bessere Hälfte meines Blogs – viel zu wenig ist er aufgetaucht in diesen unseren gemeinsamen Alltagsmemoiren. Ich schäme mich, trage schwer an der Schuld, der Hundeschuld. Vorgedrängelt habe ich mich, ihn rausgeschrieben, ferngehalten von Ruhm und Ehre. Mir war klar, er würde mir den Schneid abkaufen, meinen Fame klauen, mir das Rampenlicht nehmen. Ist er doch eigentlich der Glamourösere von uns beiden.

Ein richtiger Stenz war er in jungen Jahren. Mit stolzgeschwellter Brust hüpfte er wie ein Zicklein durch Wiesen und Wälder, wild-romantische, ja wahrscheinlich philosophische Botschaften bieselnd und in den höchsten Tonlagen kläffend. So hoch, dass ich in schwachen Momenten überlegte ihm die Stimmbänder durchtrennen zu lassen. Das mit dem Hundsein war ihm zu einfach, zu platt, ja vielleicht sogar zu unterkomplex. Er war stets bemüht um gepflegte Manieren und ein tadelloses Äußeres. Ein Reh, im falschen Körper geboren. Gekommen, um den felligen, bellenden Pöbel mit Nichtachtung zu strafen.

Jetzt ist er alt, der Roy. Ein Hunderentner mit diversen geriatrischen Zipperlein. Das Herz zuckt nicht mehr im Takt, seine Schilddrüse singt ein schräges Lied, die Ohren gaben kürzlich ihr Abschiedskonzert und bei den Augen ist auch kein schillerndes Comeback mehr zu erwarten. Greise und invalide stöckelt er auf Kastanienmännchenbeinen durchs Dasein und ich hinterher. Wenn wir spazieren gehen und ich ihn von der Leine lasse bin ich immer auf dem Startblock. Denn sollte irgendeine Unwägbarkeit aus dem Unterholz brechen, würden meine Rufe, egal wie laut und forsch, im luftleeren Raum aber nicht im tauben Hundeohr erklingen. Also sprinte ich los und laufe schnellstens in sein trübes Sichtfeld. Dort gebe ich durch wildes Gestikulieren bekannt, er möge doch bitte stehenbleiben. Aus den Blicken der Umstehenden und -gehenden lese ich regelmäßig Furcht – vor mir, der wahnsinnigen Wedlerin. Ich kann sie verstehen, denn ich muss aussehen wie eine dem Irrsinn verfallene, betrunkene Flugbegleiterin inmitten der Notausgang-Pantomime.

Aber was soll’s, es hilft. Und so ziehen wir unsere greisen Kreise. Manchmal treffen wir auf unseresgleichen. Ältere Menschen mit alten Hunden. Da nehme ich ihm allerdings wirklich übel, dass er sich nach einmal Afterschnüffeln wegdreht und ich weiter mit den zugehörigen Arschlöchern rummachen muss.

Mann mit Minipli-Frisur in Vornenixmehrundhintenlang kommt mit grauem, vierbeinigem Knödel auf uns zu. Beide hecheln. Der eine, weil er zu viel geraucht hat und der andere weil er fett ist. Schnellfickerhose aus Ballonseide in Lavendel, mein Alter, nur mit weniger Zähnen und Ehrgeiz in Sachen Körperhygiene. Ich hechle auch – kurz meinem Fluchtimpuls hinterher. Zu spät. Im Tierreich werden Rosetten gezeigt.

Ich streichle den Fellklops, damit ich mit dem anderen Ende der Leine nicht sprechen muss. „Du hast aber weiches Fell!“ (Gespräche mit Hunden sind sehr praktisch in solchen Situationen. Man wirkt kommunikativ, bekommt aber vom Tier keine Antwort. Ein herrlich dialogfreies Miteinander). Funktioniert leider nicht immer: „Spürst nicht die Huckel unterm Fell? Sind Alterswarzen. Da waren wir gerade beim Tierarzt deswegen?“

Was ich spüre? Ich möchte, dass die nun leicht pelzige Hand kein Bestandteil meines Körpers mehr ist, will sie auf dem dermitisch bedenklichen Hunderücken zurücklassen, eigentlich meinen ganzen Körper verlassen und nie dagewesen sein. Schwer hebe ich meine kontaminierte Betonhand vom räudigen Köter und stecke in der Falle eines sich fortsetzenden Gesprächs. Mein taubes royales Reh schnuppert verträumt acht Grashalme weiter an Hundekot und tut so, als wären wir uns noch nie begegnet.

„Wie heisst er denn?“ presse ich mir beim Ausatmen aus dem Zwerchfell.

„Jeanny hoassts. Weißt wie des oane geile Liadl vom Falco, wia ma no jung warn, des wos dann verbotn ham! Weis denkt ham der hod de do gschnackselt, woasst scho! Mei des warn hoid no Zeitn, damals, de 80er, woasst as no ….“ Die Minuten werden zäh wie alter Kaugummi während ich zwischen Mundgeruchmonolog und Krätzefell stehe und bleibe.

Da hechtet mein Hund behende aus dem Gebüsch, schlägt einen Haken, hüpft wie ein Hase und rennt, um sein Leben und auf ein Eichhörnchen zu. Er! Der lahmende Blinde! Er! Geboren ohne Jagdtrieb, bellt mit tiefer Stimme und animalischer Aggression in den Abendwind und ans Hörnchen hin!

Entschuldigend lächelnd springe ich davon, Roythedog hinterher, beseelt über die Gassiwiese, den Häufen ausweichend und glücklich über meinen Retter, Helden und SUPERROY!

Ich liebe dieses Tier.

 

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Beate, wie Uhse …

18 Jan

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Im Hausflur traf ich sie das erste Mal. Eine ältere Dame – winzig, humpelnd, bestockt und stoisch fröhlich bayerte sie „mei schee, sie san die neue Nachbarin und a Zamperl hams a!“. Willkommen in Untergiesing, dem untergentrifizierten Dorf am Rande des Rings, wo noch rüstige Rollatorenrentner und urwüchsige Bierbauchwüchse originalbayrischen Wuchses durchs Großstadtambiente schieben.

Bei einem weiteren Treppenhaustreffen hatte sich Beate, wie ich sie inzwischen duzen darf, die Schulter gebrochen. Das zweite Mal, wie sie mir gelassen, in einem Atemzug mit der künstlichen Hüfte, dem Herzschrittmacher und der über Jahre konsequent angesoffenen Leberzirrhose erzählte. Während ich ihre Taschen ein Stockwerk weiter trug, fragte ich höflich, ob ich ihr denn helfen könne, da ja die Schulter futsch war. Keck lächelte sie durch die kleine Brille mit den Glitzersteinchen zu mir hinauf und während ich mit altvorderlicher Scheu rechnete, kam „mein Kopf kanntens ma waschn!“ retour. Erschrocken und verzweifelt nach Distanz rudernd wand ich sachte ein, dass ich über die Feiertage und länger nicht da wäre. „Dann rentiert sich’s Kopf waschen doch erst richtig!“. Die Vision von fettiger Kopfhaut an meinen Fingerkuppen feierte mit mir Weihnachten und ich plante überstürzt meinen Auszug.

Nach längerem innerlichen Gerangel mit mir und der Erinnerung an ein hinternwischendes Krankenhauspraktikum, finde ich Chuzpe und Contenance wieder und erscheine zum Haarwaschtermin. Im vollgeladenen Wohnzimmer stapeln sich Katzendevotionalien. Kissen, Figürchen, Decken, Bilder sogar ein Wandthermometer schnurren im Takt der Miezenuhr an der Wand. Zwischendrin ein erleuchteter Plastikchristbaum und der schon gedeckte Kaffeetisch. Zerkleinerte Wurst auf einem Tellerchen hat den Deutsche-Eiche-Ehrenplatz ergattert. „I hab’d Wurst scho heid in da Früh raus ausm Kühlschrank, damits Zimmertemperatur hod fürs Zamperl!“ – das Leaherz es schmilzt so schnell dahin, wie dem Tier das Wasser aus dem Hundemunde tropft.

Ihre Haare, es sind nicht so viele, sind schnell gewaschen. Gefährlich wird es nur ganz kurz, als der blonde Tönungsfestiger, schätzungsweise 1976 palettenweise im Sonderangebot erstanden, leichte Verätzungen und schwere Verfärbungen meiner Hände verursacht.

So sitzen wir irgendwann beide erleichtert und gesäubert wieder auf der Sofagarnitur und während man die Vierschanzentournee im TV kommentiert, kommt man sich näher bis zum gemeinsamen Geburtstag am 14. September. Frisch verschwestert sind wir dann auch schon per Du. „Also, gell, ich bin die Beate. Wie die Uhse, bloß ned a ganz a so versaut. Und tot bin i a no ned!“. Ich lache so sehr, dass die textilen Katzen auf meinem Sessel Frotteepolka tanzen. Weil wir gerade schon so vertrautversaut beisammen sitzen, erzählt mir Beate, dass der nette griechische Opa unter mir sie beim letzten Krankenhausaufenthalt abgeholt hat und sogar den Koffer nach oben trug. Will grade ansetzen, wie ehrenhaft und manierlich das doch ist, da lacht sie etwas kehlig und kichert „i woaß scho warum der des gmacht hat!“. Also ich ja nicht, aber die Erklärung folgt noch im abklingenden Kichern „nackert wollt er mich halt sehen. Aber da kann der lang warten!“.

Jetzt ist meine neue Freundin im Krankenhaus zur Schulteroperation aber nicht ohne mir ein kleines Präsent zu hinterlassen: Gestern in meinen Briefkasten wartete ein ca. 3 Tage alter Schrumpelknödel, der mal ein Krapfen war und zwei kleine Wienerwürstchen, die mit einem Haushaltsgummi aneinander gekettet sind. Alle milden Gaben sind einzeln nochmal in Frischhaltefolie gepackt und etwas deformiert, da sie durch einen kleinen Briefkastenschlitz gepresst wurden. Vorn dran ein blauer, blumenverzierter Zettel auf dem in krakeliger Schreibschrift steht „Liebe Lea, das ist für Dich und Roy. Schönen Tag und Herzliche Grüße Beate“ …

Ach Beate, Du Gute!

 

Der Wahnsinn ist immer und überall

23 Nov

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Das Fragment einer Geschichte, eine amputierte Wortwindung, ein kleiner Erzählfortsatz, den ich abtrennte. Dem Text abschnitt, weil er sonst zu fett würde. Mit seinen Wortwülsten zu schwülstig und dick aufgetragen wäre. So lag er dann. Lang.

Im Lang drehte sich die Welt weiter bis es ganz entsetzlich knirschte und sie kurz stehen blieb. Nun ist, laut polternd, der Wahnsinn gekommen. Nicht der winzige Wahnwitz, den ich liebevoll lächelnd portraitiere, sondern das reale, große, geifernde, böse Irre hält Hof und plustert sich in mein Dasein, das existentiell die Kotzgrenze erreicht.

Ich will nicht nur stumpf und dumpf in die Wahnsinnsfratze glotzen … also halte ich mich weiter am kleinen Wirrsinn und seinen possierlichen Abenteuern fest:

Wortamputat aus der Istanbulgeschichte->

Da trabe ich noch ein paar Runden mit aufgerissenen Augen und wunden Füßen durch Istanbul, an den Flughafen, ins Flugzeug, bis ich irgendwann erschöpft in der Münchner U-Bahn sitze.

Bar jeder Energie aber mit dem befriedeten Gefühl des Heimkommens. Ankommen. Daheim. Zuhause. Kein Irrsinn sondern bayrische Ruhe und Ordnung. Kaum vom Hirn ausgespuckt und sich in der Denkblase um meinen Kopf verteilt, klingelt ein Telefon.

„Du musst noch mehr beten“ kreischt eine fistlige Eunuchenstimme aus der hellblauen Daunenjacke neben mir. „Wenn ich mehr bete, fährt der heilige Geist in mich ein und er wird auch Dich retten!“.

Der erleuchtete Dialog setzt sich durch sämtliche katholische Exerzitien, unter Einbeziehung ziemlich vieler Heiliger, fort. Ich versuche mich unsichtbar zu machen, starre in die Weite und warte auf Loslösung von der Realität.

Funktioniert fast immer. Mein Blick bleibt allerdings schon an der nächsten U-Bahn-Tür kleben. Eine Frau um die 60, die in fast schon fiktionaler Fülle lässig da lehnt und diese unglaubliche Fleischmenge im Takt der Musik wippen lässt. Oben nur ein wenig den Kopf gewiegt, verwandelt sich die Bauchgegend in eine Möbelhaus-Hüpfburg am Sonntag Nachmittag. Auf ihrem schütteren Haar thront ein überdimensionierter Hello-Kitty-Kopfhörer aus dem Rihanna um Hilfe und nach ihrem Regenschirm schreit. Ein Stückchen unter der Beschallung werden Speckröllchen von einem glitzernden, pinken, bauchfreien, mitvibrierenden Lurexpullover eher weniger als mehr zusammengehalten.

So sitze ich da, zwischen dem heiligen Geist und einer überdimensionierten Diskokatze. Der Wahnsinn ist immer und überall.

 

Barbusig am Bosporus

31 Okt

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Ich war Bilder sammeln in Istanbul. Ein wilder Ritt über den Bosporus, eingetaucht in Bunt und Laut. Treppauf und treppab die Hügel hoch- und wieder runter hechelnd, an wilden Katzen und alten Häusern vorbei. Schwaden von Resignation inhalierend und gegen eine verschleierte Mauer aus stoischem Traditionalismus laufend. Ein lauter Paukenschlag, orchestriert mit Muezzingesängen und hupenden Taxifahrern.

Inmitten von 1001er Reizüberflutung öffnet sich eine unscheinbare Türe zum Hamam. Durch ein Meer von Teppichen, Kissen und Wasserpfeifen wird mir ein Tuch gereicht. Ich steige in pinke Vollplastikschlappen, die mich in einen nebligen Raum tragen. Absolute Stille, gewürzt mit leichtem Modergeruch. Satte, einzelne Tropfen klatschen viel zu laut in die hallenden Waschbecken. Warmer Marmor liegt unter mir und Schimmel verziert die Fensterrahmen der Deckenkuppel über mir. Feuchte Trägheit dampft sich in meinen Körper, die Zeit wird immer weicher und leichter bis sie sich schließlich gasförmig in die Atmosphäre verflüchtigt. So liege ich da, mein Leib lang und die Minuten lange. Viele grelle Eindrücke laufen auf leisen Sohlen durch meinen Kopf, ich halte ein paar fest, hebe sie behutsam auf und versuche sie einzuordnen. Ich ordne gerne. Sortiere gern und viel, denn Ordnung muss sein. Auch im Kopf. Dort ist es aber gerade sehr warm, die eingefangenen Bilder sind widerspenstig und eigensinnig, also ergebe ich mich dem hilflosen, geschwächten Schwitzen.

„Lea, da holt Dich gleich jemand, macht so eine Art Peeling und wäscht Dich“ wabert es in mein linkes Ohr. Jaja. Bin leicht gelähmt und mittelmüde, mir egal und was auch immer … Meine dampfenden Eindrucksetiketten wollen nicht auf dem Erlebten kleben bleiben. Kleine Tauperlen verstopfen den Kopf und endlich summt angenehme Leere durch das Jetzt.

„Chello! Chello“ Come, wash!“ drängt sich von weit her in die Wahrnehmung. Ich öffne im Dunstschleier ein Auge und vor mir steht breitbeinig eine korpulente, alte Frau, die mich mit energischem Handwedeln aus der Paralyse ins Leben zurückwischt. So trotte ich in meinen Hello-Kitty-pinken Plastikschlappen hinter ihr her. In einem marmornen Raum wird mir bedeutet, das Bikinioberteil auszuziehen, während die Frau sich ihrer blumigen Kittelschürze entledigt. Drunter ist viel Brust, noch mehr Bauch und irgendwo unter der Speckschürze ihr kleiner, roter Schlüpfer. Ich erinnere mich feucht und dunkel, dass mir gesagt wurde, barbusig wäre Tradition. Eingeschüchtert und leicht verklemmt halte ich mich an ihrem Lächeln fest, das sie mir mit ihren drei Restzähnen aufmunternd zuwirft. Eine Wasch-Walk-Knet-Prozedur beginnt. Die Augen geschlossen, bemerke ich, dass mir vor lauter teutonischer Steifheit ein hölzerner Kleiderbügel zwischen den Schultern wächst. Starr wie eine getrocknete Ölsardine auf meiner Marmorpritsche liegend, schiele ich in das dreizähnige Lächeln voll von Selbstverständnis und Routine. Ein wenig schäme ich mich ob meiner Prüdheit. Aber schlimmer geht immer: Die Dame in der roten Unterhose holt aus, um mit großen, kreisenden Bewegungen eine milchige Flüssigkeit auf mir zu verteilen. Voller Elan fliegen ihre langen Brüste durch die Lüfte und schwingen fröhlich mit lautem Klatschen auf meine Haut. Ich versteife komplett. Aggregatszustand zwischen Fischstäbchen und Alaska Tiefkühllachs.

Was tut man da, was mach ich nun? Ich lache. Ich höre gar nicht mehr auf. Sie haut mir den fröhlichen Busen an die Backen und lacht mich, in einer Wolke aus weißem Schaum, zurück aus der Schockstarre in die wohlige Weichheit der Normalität. Nach zwei Tassen türkischem Tee stehe ich kurz vor dem Zuckerschock und bin bereit für einen erneuten Kopfsprung in den wabernden Istanbuler Irrsinn.

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