FRÜHLING, ich hör Dir wachsen!

22 Mrz
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Bild & Bearbeitung: Thomas Zufall

Das Grün knospt am Baum und kriecht in fotosynthetischer Ekstase das Blatt entlang. Die Sonne glüht schon vor, um mir ganz bald die Kopfhaut zu berauschen. Ich will kein fahles Graubraun mehr anschauen. Fauna, Flora, Straße, Himmel, Hund, mein Haaransatz und sogar die Leuchtreklame des Frischemarktes gegenüber – alles Graubraun.

Frühling! Um Dich zu locken, habe ich eine warme Sommergeschichte gefunden. Als ich Frühjahrsputz im Kopf machte, das Oberstübchen oberordentlich ausfegte, lag die da rum. Gar nicht wirklich eine Geschichte, eigentlich nur ein Bild, die Momentaufnahme eines vorbeiwehenden Augenblicks, in dem Untergiesing liebevoll zum Einstand zeigte, wie heiß es hier zugeht:

Hans-Mielich-Straße, München, ein Tag im September 2016:
Es ist früher Abend und das Tier trabt lippizanisch elegant neben mir her und hebt die Pfötchen extra affektiert beim Ausschreiten. Ich tue es ihm nach und schwenke mein Gesäß wie ein Revuepferd, als wir kichernd ob unserer Albernheiten in die Straße einbiegen.

Der kommende Anblick verbietet jedwede Beschleunigung und wir bremsen ab zu fast schon pantomimischer Zeitlupe. Gucke durch eine ebenerdige Fensterfront, an der gehäkelte Gardinen zart im Abendwind tanzen. Zwischen einer guten Deutschen Eicheschrankwand und dem gefliesten Wohnzimmertisch sitzt ein Berg gebräunten, nackten Fleisches mit dem Rücken zu mir auf einer gebräunten Couch, vor sich einen Berg gebräunten Tellerfleisches und eine ebenfalls sommerlich gebräunte Bierflasche. Ich kann den Menschkoloss nur anhand ein paar vereinzelter Härchen vom Ledersofa unterscheiden. Im Flachbildschirm gegenüber läuft lautstark die Sportschau und ich bemerke, dass seine Haare sich synchron zur Fußballübertragung bewegen. Energisch stellen sie sich in die Laufrichtung des favorisierten Teams, während der Fleischberg nur ab und an emotionslos wabert. Mein Blick wandert weiter durchs Wohnzimmer und bleibt an einer dampfenden Bügelstation hängen.

Wie im Autsoscooter gleitet das Eisen an seiner Antennenleine behende durch Krägen, über Falten, in Ärmel. Die Leitung der Mission wird von der Dame des Hauses übernommen, Frau Fleischberg, vielleicht Mitte 60, ihres Zeichens lederhäutige Herrscherin über Tellerfleisch und textile Faltenfreiheit, Königin des Hemdenplättens und stolze Gallionsfigur dieser Erdgeschossetagenwohnung.

Energisch und doch verträumt bügelt sie im Takt zum Spiel. Und während sie so fröhlich durch die Fasern fährt, schwingen ihre langen, nackten Busen, perfekt choreografiert, mit der Stadionlaola. Raum, Anstand, Etikette und Zeit vergessend stehe ich eine ganze Weile vor diesem Sommermärchen der Freikörperkultur. Als mein Kopf, mitten in Untergiesing auf der Hans-Mielich-Straße, mit fremden Brüsten schwingt, entferne ich den Hund und mich geschwind.

Also, Frühling, Oida, lass Dir was einfallen, denn das wird unser erstes Mal in Untergiesing!

Roythedog

14 Feb

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Roythedog, Roy der Hund, bessere Hälfte meines Blogs – viel zu wenig ist er aufgetaucht in diesen unseren gemeinsamen Alltagsmemoiren. Ich schäme mich, trage schwer an der Schuld, der Hundeschuld. Vorgedrängelt habe ich mich, ihn rausgeschrieben, ferngehalten von Ruhm und Ehre. Mir war klar, er würde mir den Schneid abkaufen, meinen Fame klauen, mir das Rampenlicht nehmen. Ist er doch eigentlich der Glamourösere von uns beiden.

Ein richtiger Stenz war er in jungen Jahren. Mit stolzgeschwellter Brust hüpfte er wie ein Zicklein durch Wiesen und Wälder, wild-romantische, ja wahrscheinlich philosophische Botschaften bieselnd und in den höchsten Tonlagen kläffend. So hoch, dass ich in schwachen Momenten überlegte ihm die Stimmbänder durchtrennen zu lassen. Das mit dem Hundsein war ihm zu einfach, zu platt, ja vielleicht sogar zu unterkomplex. Er war stets bemüht um gepflegte Manieren und ein tadelloses Äußeres. Ein Reh, im falschen Körper geboren. Gekommen, um den felligen, bellenden Pöbel mit Nichtachtung zu strafen.

Jetzt ist er alt, der Roy. Ein Hunderentner mit diversen geriatrischen Zipperlein. Das Herz zuckt nicht mehr im Takt, seine Schilddrüse singt ein schräges Lied, die Ohren gaben kürzlich ihr Abschiedskonzert und bei den Augen ist auch kein schillerndes Comeback mehr zu erwarten. Greise und invalide stöckelt er auf Kastanienmännchenbeinen durchs Dasein und ich hinterher. Wenn wir spazieren gehen und ich ihn von der Leine lasse bin ich immer auf dem Startblock. Denn sollte irgendeine Unwägbarkeit aus dem Unterholz brechen, würden meine Rufe, egal wie laut und forsch, im luftleeren Raum aber nicht im tauben Hundeohr erklingen. Also sprinte ich los und laufe schnellstens in sein trübes Sichtfeld. Dort gebe ich durch wildes Gestikulieren bekannt, er möge doch bitte stehenbleiben. Aus den Blicken der Umstehenden und -gehenden lese ich regelmäßig Furcht – vor mir, der wahnsinnigen Wedlerin. Ich kann sie verstehen, denn ich muss aussehen wie eine dem Irrsinn verfallene, betrunkene Flugbegleiterin inmitten der Notausgang-Pantomime.

Aber was soll’s, es hilft. Und so ziehen wir unsere greisen Kreise. Manchmal treffen wir auf unseresgleichen. Ältere Menschen mit alten Hunden. Da nehme ich ihm allerdings wirklich übel, dass er sich nach einmal Afterschnüffeln wegdreht und ich weiter mit den zugehörigen Arschlöchern rummachen muss.

Mann mit Minipli-Frisur in Vornenixmehrundhintenlang kommt mit grauem, vierbeinigem Knödel auf uns zu. Beide hecheln. Der eine, weil er zu viel geraucht hat und der andere weil er fett ist. Schnellfickerhose aus Ballonseide in Lavendel, mein Alter, nur mit weniger Zähnen und Ehrgeiz in Sachen Körperhygiene. Ich hechle auch – kurz meinem Fluchtimpuls hinterher. Zu spät. Im Tierreich werden Rosetten gezeigt.

Ich streichle den Fellklops, damit ich mit dem anderen Ende der Leine nicht sprechen muss. „Du hast aber weiches Fell!“ (Gespräche mit Hunden sind sehr praktisch in solchen Situationen. Man wirkt kommunikativ, bekommt aber vom Tier keine Antwort. Ein herrlich dialogfreies Miteinander). Funktioniert leider nicht immer: „Spürst nicht die Huckel unterm Fell? Sind Alterswarzen. Da waren wir gerade beim Tierarzt deswegen?“

Was ich spüre? Ich möchte, dass die nun leicht pelzige Hand kein Bestandteil meines Körpers mehr ist, will sie auf dem dermitisch bedenklichen Hunderücken zurücklassen, eigentlich meinen ganzen Körper verlassen und nie dagewesen sein. Schwer hebe ich meine kontaminierte Betonhand vom räudigen Köter und stecke in der Falle eines sich fortsetzenden Gesprächs. Mein taubes royales Reh schnuppert verträumt acht Grashalme weiter an Hundekot und tut so, als wären wir uns noch nie begegnet.

„Wie heisst er denn?“ presse ich mir beim Ausatmen aus dem Zwerchfell.

„Jeanny hoassts. Weißt wie des oane geile Liadl vom Falco, wia ma no jung warn, des wos dann verbotn ham! Weis denkt ham der hod de do gschnackselt, woasst scho! Mei des warn hoid no Zeitn, damals, de 80er, woasst as no ….“ Die Minuten werden zäh wie alter Kaugummi während ich zwischen Mundgeruchmonolog und Krätzefell stehe und bleibe.

Da hechtet mein Hund behende aus dem Gebüsch, schlägt einen Haken, hüpft wie ein Hase und rennt, um sein Leben und auf ein Eichhörnchen zu. Er! Der lahmende Blinde! Er! Geboren ohne Jagdtrieb, bellt mit tiefer Stimme und animalischer Aggression in den Abendwind und ans Hörnchen hin!

Entschuldigend lächelnd springe ich davon, Roythedog hinterher, beseelt über die Gassiwiese, den Häufen ausweichend und glücklich über meinen Retter, Helden und SUPERROY!

Ich liebe dieses Tier.

 

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Beate, wie Uhse …

18 Jan

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Im Hausflur traf ich sie das erste Mal. Eine ältere Dame – winzig, humpelnd, bestockt und stoisch fröhlich bayerte sie „mei schee, sie san die neue Nachbarin und a Zamperl hams a!“. Willkommen in Untergiesing, dem untergentrifizierten Dorf am Rande des Rings, wo noch rüstige Rollatorenrentner und urwüchsige Bierbauchwüchse originalbayrischen Wuchses durchs Großstadtambiente schieben.

Bei einem weiteren Treppenhaustreffen hatte sich Beate, wie ich sie inzwischen duzen darf, die Schulter gebrochen. Das zweite Mal, wie sie mir gelassen, in einem Atemzug mit der künstlichen Hüfte, dem Herzschrittmacher und der über Jahre konsequent angesoffenen Leberzirrhose erzählte. Während ich ihre Taschen ein Stockwerk weiter trug, fragte ich höflich, ob ich ihr denn helfen könne, da ja die Schulter futsch war. Keck lächelte sie durch die kleine Brille mit den Glitzersteinchen zu mir hinauf und während ich mit altvorderlicher Scheu rechnete, kam „mein Kopf kanntens ma waschn!“ retour. Erschrocken und verzweifelt nach Distanz rudernd wand ich sachte ein, dass ich über die Feiertage und länger nicht da wäre. „Dann rentiert sich’s Kopf waschen doch erst richtig!“. Die Vision von fettiger Kopfhaut an meinen Fingerkuppen feierte mit mir Weihnachten und ich plante überstürzt meinen Auszug.

Nach längerem innerlichen Gerangel mit mir und der Erinnerung an ein hinternwischendes Krankenhauspraktikum, finde ich Chuzpe und Contenance wieder und erscheine zum Haarwaschtermin. Im vollgeladenen Wohnzimmer stapeln sich Katzendevotionalien. Kissen, Figürchen, Decken, Bilder sogar ein Wandthermometer schnurren im Takt der Miezenuhr an der Wand. Zwischendrin ein erleuchteter Plastikchristbaum und der schon gedeckte Kaffeetisch. Zerkleinerte Wurst auf einem Tellerchen hat den Deutsche-Eiche-Ehrenplatz ergattert. „I hab’d Wurst scho heid in da Früh raus ausm Kühlschrank, damits Zimmertemperatur hod fürs Zamperl!“ – das Leaherz es schmilzt so schnell dahin, wie dem Tier das Wasser aus dem Hundemunde tropft.

Ihre Haare, es sind nicht so viele, sind schnell gewaschen. Gefährlich wird es nur ganz kurz, als der blonde Tönungsfestiger, schätzungsweise 1976 palettenweise im Sonderangebot erstanden, leichte Verätzungen und schwere Verfärbungen meiner Hände verursacht.

So sitzen wir irgendwann beide erleichtert und gesäubert wieder auf der Sofagarnitur und während man die Vierschanzentournee im TV kommentiert, kommt man sich näher bis zum gemeinsamen Geburtstag am 14. September. Frisch verschwestert sind wir dann auch schon per Du. „Also, gell, ich bin die Beate. Wie die Uhse, bloß ned a ganz a so versaut. Und tot bin i a no ned!“. Ich lache so sehr, dass die textilen Katzen auf meinem Sessel Frotteepolka tanzen. Weil wir gerade schon so vertrautversaut beisammen sitzen, erzählt mir Beate, dass der nette griechische Opa unter mir sie beim letzten Krankenhausaufenthalt abgeholt hat und sogar den Koffer nach oben trug. Will grade ansetzen, wie ehrenhaft und manierlich das doch ist, da lacht sie etwas kehlig und kichert „i woaß scho warum der des gmacht hat!“. Also ich ja nicht, aber die Erklärung folgt noch im abklingenden Kichern „nackert wollt er mich halt sehen. Aber da kann der lang warten!“.

Jetzt ist meine neue Freundin im Krankenhaus zur Schulteroperation aber nicht ohne mir ein kleines Präsent zu hinterlassen: Gestern in meinen Briefkasten wartete ein ca. 3 Tage alter Schrumpelknödel, der mal ein Krapfen war und zwei kleine Wienerwürstchen, die mit einem Haushaltsgummi aneinander gekettet sind. Alle milden Gaben sind einzeln nochmal in Frischhaltefolie gepackt und etwas deformiert, da sie durch einen kleinen Briefkastenschlitz gepresst wurden. Vorn dran ein blauer, blumenverzierter Zettel auf dem in krakeliger Schreibschrift steht „Liebe Lea, das ist für Dich und Roy. Schönen Tag und Herzliche Grüße Beate“ …

Ach Beate, Du Gute!

 

Der Wahnsinn ist immer und überall

23 Nov

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Das Fragment einer Geschichte, eine amputierte Wortwindung, ein kleiner Erzählfortsatz, den ich abtrennte. Dem Text abschnitt, weil er sonst zu fett würde. Mit seinen Wortwülsten zu schwülstig und dick aufgetragen wäre. So lag er dann. Lang.

Im Lang drehte sich die Welt weiter bis es ganz entsetzlich knirschte und sie kurz stehen blieb. Nun ist, laut polternd, der Wahnsinn gekommen. Nicht der winzige Wahnwitz, den ich liebevoll lächelnd portraitiere, sondern das reale, große, geifernde, böse Irre hält Hof und plustert sich in mein Dasein, das existentiell die Kotzgrenze erreicht.

Ich will nicht nur stumpf und dumpf in die Wahnsinnsfratze glotzen … also halte ich mich weiter am kleinen Wirrsinn und seinen possierlichen Abenteuern fest:

Wortamputat aus der Istanbulgeschichte->

Da trabe ich noch ein paar Runden mit aufgerissenen Augen und wunden Füßen durch Istanbul, an den Flughafen, ins Flugzeug, bis ich irgendwann erschöpft in der Münchner U-Bahn sitze.

Bar jeder Energie aber mit dem befriedeten Gefühl des Heimkommens. Ankommen. Daheim. Zuhause. Kein Irrsinn sondern bayrische Ruhe und Ordnung. Kaum vom Hirn ausgespuckt und sich in der Denkblase um meinen Kopf verteilt, klingelt ein Telefon.

„Du musst noch mehr beten“ kreischt eine fistlige Eunuchenstimme aus der hellblauen Daunenjacke neben mir. „Wenn ich mehr bete, fährt der heilige Geist in mich ein und er wird auch Dich retten!“.

Der erleuchtete Dialog setzt sich durch sämtliche katholische Exerzitien, unter Einbeziehung ziemlich vieler Heiliger, fort. Ich versuche mich unsichtbar zu machen, starre in die Weite und warte auf Loslösung von der Realität.

Funktioniert fast immer. Mein Blick bleibt allerdings schon an der nächsten U-Bahn-Tür kleben. Eine Frau um die 60, die in fast schon fiktionaler Fülle lässig da lehnt und diese unglaubliche Fleischmenge im Takt der Musik wippen lässt. Oben nur ein wenig den Kopf gewiegt, verwandelt sich die Bauchgegend in eine Möbelhaus-Hüpfburg am Sonntag Nachmittag. Auf ihrem schütteren Haar thront ein überdimensionierter Hello-Kitty-Kopfhörer aus dem Rihanna um Hilfe und nach ihrem Regenschirm schreit. Ein Stückchen unter der Beschallung werden Speckröllchen von einem glitzernden, pinken, bauchfreien, mitvibrierenden Lurexpullover eher weniger als mehr zusammengehalten.

So sitze ich da, zwischen dem heiligen Geist und einer überdimensionierten Diskokatze. Der Wahnsinn ist immer und überall.

 

Barbusig am Bosporus

31 Okt

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Ich war Bilder sammeln in Istanbul. Ein wilder Ritt über den Bosporus, eingetaucht in Bunt und Laut. Treppauf und treppab die Hügel hoch- und wieder runter hechelnd, an wilden Katzen und alten Häusern vorbei. Schwaden von Resignation inhalierend und gegen eine verschleierte Mauer aus stoischem Traditionalismus laufend. Ein lauter Paukenschlag, orchestriert mit Muezzingesängen und hupenden Taxifahrern.

Inmitten von 1001er Reizüberflutung öffnet sich eine unscheinbare Türe zum Hamam. Durch ein Meer von Teppichen, Kissen und Wasserpfeifen wird mir ein Tuch gereicht. Ich steige in pinke Vollplastikschlappen, die mich in einen nebligen Raum tragen. Absolute Stille, gewürzt mit leichtem Modergeruch. Satte, einzelne Tropfen klatschen viel zu laut in die hallenden Waschbecken. Warmer Marmor liegt unter mir und Schimmel verziert die Fensterrahmen der Deckenkuppel über mir. Feuchte Trägheit dampft sich in meinen Körper, die Zeit wird immer weicher und leichter bis sie sich schließlich gasförmig in die Atmosphäre verflüchtigt. So liege ich da, mein Leib lang und die Minuten lange. Viele grelle Eindrücke laufen auf leisen Sohlen durch meinen Kopf, ich halte ein paar fest, hebe sie behutsam auf und versuche sie einzuordnen. Ich ordne gerne. Sortiere gern und viel, denn Ordnung muss sein. Auch im Kopf. Dort ist es aber gerade sehr warm, die eingefangenen Bilder sind widerspenstig und eigensinnig, also ergebe ich mich dem hilflosen, geschwächten Schwitzen.

„Lea, da holt Dich gleich jemand, macht so eine Art Peeling und wäscht Dich“ wabert es in mein linkes Ohr. Jaja. Bin leicht gelähmt und mittelmüde, mir egal und was auch immer … Meine dampfenden Eindrucksetiketten wollen nicht auf dem Erlebten kleben bleiben. Kleine Tauperlen verstopfen den Kopf und endlich summt angenehme Leere durch das Jetzt.

„Chello! Chello“ Come, wash!“ drängt sich von weit her in die Wahrnehmung. Ich öffne im Dunstschleier ein Auge und vor mir steht breitbeinig eine korpulente, alte Frau, die mich mit energischem Handwedeln aus der Paralyse ins Leben zurückwischt. So trotte ich in meinen Hello-Kitty-pinken Plastikschlappen hinter ihr her. In einem marmornen Raum wird mir bedeutet, das Bikinioberteil auszuziehen, während die Frau sich ihrer blumigen Kittelschürze entledigt. Drunter ist viel Brust, noch mehr Bauch und irgendwo unter der Speckschürze ihr kleiner, roter Schlüpfer. Ich erinnere mich feucht und dunkel, dass mir gesagt wurde, barbusig wäre Tradition. Eingeschüchtert und leicht verklemmt halte ich mich an ihrem Lächeln fest, das sie mir mit ihren drei Restzähnen aufmunternd zuwirft. Eine Wasch-Walk-Knet-Prozedur beginnt. Die Augen geschlossen, bemerke ich, dass mir vor lauter teutonischer Steifheit ein hölzerner Kleiderbügel zwischen den Schultern wächst. Starr wie eine getrocknete Ölsardine auf meiner Marmorpritsche liegend, schiele ich in das dreizähnige Lächeln voll von Selbstverständnis und Routine. Ein wenig schäme ich mich ob meiner Prüdheit. Aber schlimmer geht immer: Die Dame in der roten Unterhose holt aus, um mit großen, kreisenden Bewegungen eine milchige Flüssigkeit auf mir zu verteilen. Voller Elan fliegen ihre langen Brüste durch die Lüfte und schwingen fröhlich mit lautem Klatschen auf meine Haut. Ich versteife komplett. Aggregatszustand zwischen Fischstäbchen und Alaska Tiefkühllachs.

Was tut man da, was mach ich nun? Ich lache. Ich höre gar nicht mehr auf. Sie haut mir den fröhlichen Busen an die Backen und lacht mich, in einer Wolke aus weißem Schaum, zurück aus der Schockstarre in die wohlige Weichheit der Normalität. Nach zwei Tassen türkischem Tee stehe ich kurz vor dem Zuckerschock und bin bereit für einen erneuten Kopfsprung in den wabernden Istanbuler Irrsinn.

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Undergiesing, Oida!

4 Okt
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(c) M. Fengel / Vice Magazine

Päng. Vom Lech an die Isar hab ich mich geschossen und zack, war ich da. Ein kurzer Flug mit harter Landung im Herbstlaubhaufen. Ganz still lag ich da, begraben unter den Blättern, der Sauerstoff knapp. Bewegungslos wartend drohte ich unter dem Berg der weichen, welken, modrigen Masse zu ersticken. Da fing ich an zu strampeln, zu treten, mich zu winden und dann, gierig die frische Luft einsaugend, tauchte ich auf. An der Isar, in München Untergiesing, wo ab jetzt mein neues Zuhause sein sollte.

Kräftig wurde auf den Einmachglasdeckel meines Daseins geschlagen, das Ding geschüttelt und mit einem lauten, schmatzenden Laut geöffnet. Ob’s mir schmeckt, ist noch unklar. Kurz hat es etwas abgestanden gerochen aber schon zwirbelte sich der Dunst von Daheim ins gekräuselte Näschen und die Augen öffnend kitzelte weiß-blaues Licht meine Iris. Die Ohren funktionierten auch bald wieder, um erst ganz zart, dann immer lauter, meine neuen bayrischen Nachbarn ihre dialektischen Fehlzündungen wie alte Puch-Mofas durch meine Hörhärchen knattern zu lassen.

Der Ort meiner Landung: Untergiesing. Ende der 80er schockgefrostet, das Drehbuch zur Örtlichkeit von Herrn Dietl klamm, heimlich und leise kichernd geschrieben.

Auf die Schliche kam ich dem Helmut schon bei meinem Einstandsbesuch im Supermarkt gegenüber, wo sich dicht gedrängt und eng gestapelt Nahrungsmittel, Bügelbretter und Haushaltswaren um eine Imbissecke drapieren. Alterslose, lebenslang mittelalte Dauerwellenmädchen in Aubergine bahnen sich, bekleidet mit weißen Kittelschürzen, resolut den Weg durch enge Regalgänge. Die Schürzenarmada ist bewaffnet und ich irritiert. Nach eingängiger Beobachtung begreife ich, dass die Damen mit den vermeintlichen Pistolen, neongelbe Preisschilder auf einzelne Beeren in Fruchtschälchen schießen. Päng. Hier wird also noch ausgezeichnet. Bei ersten Ausgrabungen im Viertel entdeckt: Ein Supermarkt ohne Scannerkassen.

Ein träges Reptil aus Einkaufenden schlängelt sich in Serpentinen durchs Idyll und schunkelt sanft im Klang der preistippenden Fingernägel (hart wie Stahl durch jahrelanges Zahlenhacken) auf die Registrierkasse zu. Ich bin dran, habe mir zur Feier des Einstands eine formschöne Plastikklobürste gegönnt. „Ja, wos kostn jetzt des? Hod des koana auspreist? Ja, kennan de den Preis ned gscheid draufschreim?“ rattert es unter der spröden fliederfarbenen Fönfrisur mir gegenüber hervor. „Wartens amoi schnell, do muass i mei Bruin hoin!“ Hinter mir ein kollektiver Seufzer aus den Eingeweiden des sich schlängelnden Wartereptils. Als der Laden aufgrund der fetten Schlange zu zerbersten droht, erzittere ich unter einem markerschütternden Schrei „Alle zu mirrrrr!“. Während ich mich schon verängstigt auf den Boden werfen will, verziehen die Mitwartenden keine Miene sondern sich an die andere Kasse. Verstehe, die kennen das. Dann kommt ein kleiner, spärlich in Restblond behaupthaarter, Schürzenpanzer und rammt sich ins andere Abkassierseparée. Die Karawane zieht weiter … Meine Kundenberaterin ist dicht hinter ihr und setzt sich mit flatterndem Kittel eine Goldrandbrille auf: „Zwoa Neinasiebazg, gloana hättens des ned schreim kenna!“. Es fühlt sich an, als hätte mich jemand in meine niederbayrische Kindheit katapultiert.

Vor dem Laden wartet Roythedog, dem völlig gleichgültig ist wohin wir schon wieder gezogen sind. Aber auch der soll noch erstaunt mit den alterstrüb gewordenen Rehaugen rollen! Ein Mann um die 50 biegt um die Ecke. Seinen Bauch stolz in Karo und Ringform über den Bund der Lederhosn drapiert, bleibt er stehen und beginnt ein Gespräch mit Roy: „Ja, wer bistn Du? Du bist ja so schwarz, du kanntst a Flüchtling sei, a Nega, woasst? Aber des is mir wurschd. Apropos – mogst a Radl? De ham ma wieda zvui aufgschnittn. Also wart, kriegst a Radl!“ Gesagt, mich keines Blickes gewürdigt und ins Tier gefüttert. „Gell, des schmeckt dir! Mogst no oans? Wart! Des is doch feini!“. Triumphierend nickt er Roydemhund zu. „Jetzt dadst gern mitgeh, ha?“ ich bin immer noch nicht existent für den Fleischfachverfütterer, der seine Gelbwurst mit Petersilie meinem Hund kredenzt. „Jaaaa, i dad di scho mitnemma! Und woasst wos? Dei scheene Mama nimmi a!“ – dreht sich um und geht.

Mingaimogdi! Fortsetzung folgt …

*Für alle die des Bayrischlesens nicht mächtig sind: „Dad ma ja stinga, vom Osch bis zum Zinga“ – Übersetzt: „Das würde mich doch mächtig ärgern, vom Popo bis zur Nase!“

Herzensnot & Vogelkot

12 Aug

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Es ist morgens. Der Tag linst um die Ecke, durch die Vorhänge, ins Wohnzimmer, auf den Tisch. Da sitze ich und schaue trüb. Starre ihn feindselig an, hoffend, er möge sich verpissen. Da strahlt er noch ein wenig mehr, der Bastard, bis ich den gutgelaunt, geblümten Vorhang beiseite schiebe und den Tag durch die Balkontür hereinlasse. Ich beachte ihn nicht, denn seine motivierenden Versprechen interessieren mich wenig, das Animationsgelaber mit „Carpe Diem“ und „es könnte Dein letzter sein“, ödet mich an. Wenn er nicht sofort aufhört mir übermotiviert Hoffnungen zu machen, schmeiß ich ihn wieder raus.

Kummer hab ich, der miese neue Tag kümmert mich nicht. Liebeskummer nagt an mir, wie ein zahnloses Eichhorn. Dumpfer aber stetiger Schmerz, dauerkauend am offenen Herzen. Den Gemüseschäler genommen und die oberste Hautschicht abgetragen. So sitze ich schmerzend vor dem Schaumsüppchen meines Elends mit einem ungeladenen Gast – dem Tag.

Aus dem Draußen schießt etwas ins Drinnen. Bis ich begreife was es war, brettert ein fettes Bündel durchs Zimmer und knallt gegen die Wände. Räudige, ungewaschene Federn fächern Verwesung in den Raum, als ein Vogel meine taubstummwunde Kummermembran zum Platzen bringt. Ich höre mich schreien, als aus dem Tier eine Flüssigkeit quillt. Die Stimme, die aus mir quillt, quält mich, denn sie hört sich an, als würde man Marianne Sägebrecht per Eierpiekser die Luft rauslassen. Mit der Kittelschürze meiner verstorbenen Oma versuche ich hektisch den schwerverletzten Federbomber einzufangen. Er glitscht mir durch die Finger und nach endlosen Minuten des Kreischens und Heischens wird er gekittelschürzt und auf den Balkon gesetzt. Da thront er nun und starrt mich vorwurfsvoll an. Erst habe ich Mitleid, denn das Tier ist verletzt und verendet gleich. Dann haste ich leicht manisch mit einem Tuch zu den Blutflecken, um es dem hämisch lächelnden Tag, der am Tisch sitzt, ins sonnige Maul zu stopfen. Tod! Du Tag! Tod! Was willste mehr?

Ich tue Buße und wische. Inzwischen frage ich mich, warum der Vogel dunkellila Blut verspritzt hat. Vogelgrippe! Panisch werden Gummihandschuhe übergezogen. Jetzt lacht der Tag laut auf und ich weiß, ich übersehe irgendwas. Der Arsch klopft sich sogar auf die Schenkel. „Dunkellila“ rattert es in meinem Kopf, Zahnräder drehen die Information weiter … und weiter … Zahn um Zahn windet sie sich ins Großhirn, während der Tag schallend in mein Ohr lacht und ich überlege wo ich den Vogel bestatte und ob es die Hotline für Vogelgrippe noch gibt oder man zur Not auch beim Gesundheitsamt anrufen kann. Dunkellila. Vogel. Essen. Beeren. Blut. Zahnradstillstand!

Es ist Scheiße! Dieser Kackvogel hat sich einfach an meinen Wänden entleert, einen Riesenschiss Beeren rausgeblasen. Der Tag hechelt nur noch, so lustig findet er’s. Sein Kumpel Kackvogel sitzt immer noch auf meinem Balkon und lächelt nun auch. Dann hebt er zart seine Popofedern, aufreizend spreizt er sie, als würde er, die fette Amsel, gerne ein Pfau sein. Er presst mir zu Abschied und Ehren noch einen großen Berg Beerenkot auf die Holzpanele und fliegt davon.

Übergabe. Tag an Abend: „Die Vogelgeschichte war heute bisschen viel für die Gute. Schau mal, ob Du noch was draus machen kannst!“ Der Abend ist unauffällig, mein allgemeines Verhalten auch. Das Hundetier will entleert werden, ich folge. Dem Befehl und dem Hund. Schlapp, schlurf, schlender, immer die gleiche Leier: Einmal um die Kleingartenanlage, während ich diesmal gedanklich das Objekt meines Kummers langsam und lebendig filetiere. Schlapp, schlurf, schlender, love me tender. Jetzt weine ich auch noch kleine, salzwarme Tränchen. Seit wann bin ich wieder 14?

Wenigstens lacht der Abend nicht. Plötzlich raschelt es vor meinem Gesicht und ein winziges Lüftchen streift fedrig meine Nasenspitze. Es wirbelt und zwirbelt und schließlich landet ein hellblauer Wellensittich exakt vor meinen Füßen und versperrt den Weiterweg. Hinter der Schrebergartenstaude lauernd, feixt schadenfroh der Abend. Ein Sittich in all seiner Blauheit schaut mich an. Als könnte ich was für die Farbe. Beim Zurück-auf-den-Sittich-starren stelle ich fest, dass ich ein hellblaues T-Shirt, mit einem Vogel drauf, anhabe. Selbiger hält einen Galgenstrick, um sich möglichst zeitnah damit zu erhängen. Sehr witzig, Abend! Der zugeflogene, wahrscheinlich ebenso suizidale Sittich, begleitet mich noch ein Stück des Weges. Spreche sicherheitshalber beruhigend auf ihn ein.

Des Nächtens, als meine Vögel die nacherzählte Runde machen, raschelt und wispert es im esoterischen Blätterwald. Der spirituelle Teil meines Freundeskreises munkelt von Prüfungen, zu deutenden Zeichen und fabuliert Übersinnliches in die Scheiße. Eisern verwurzelt in der Realität und mit beiden Beinen ehern auf dem geerdeten Boden, sitze ich zusammen mit der Nacht auf meinem Balkon und wir überlegen bei einem Glas Wein, wie wir Tag und Abend die ganze Scheiße heimzahlen können.

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