Gute ROYse – ein Nachruf

1 Sep

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Abschied ist ein schweres Schaf und der Tod immer noch eine alte Sau.

Heute Morgen wachte ich auf und wusste plötzlich, dass die Zeit reif war. Nach Monaten in tauber Trauerwatte, die mich umhüllte, mir alle Worte nahm, jede kieksende Lebendigkeit erstickte, bin ich so weit. Diesem, meinem inzwischen ehemaligen und an die Ewigkeit auf Nimmerwiedersehen abgetretenen, Hund zu danken.

Das kleine, schwarze Teufelsreh im falschen Körper kam auf Umwegen und sollte 14 Jahre bleiben. Ich hatte aus dem Nichts einen Hund mit staksigen Kastanienmännchenbeinen, der aus seinen riesigen braunen Kulleraugen in meine Welt schaute. Bei unserem ersten gemeinsamen Gang tappten wir vorsichtig zum Einstandsbesuch beim Tierarzt.

Große Praxis, übelriechende, hektische Betriebsamkeit und ältliche Frauen, denen bei jungen Hunden die schon längst pulverisierte Muttermilch einzuschießen schien. Irritiert warteten wir, bis die säbelbeinig-geschlechtsneutrale Tierärztin kam. Sie würdigte mich keines Blickes, dirigierte ins Behandlungszimmer und gab pantomimisch energische Anweisung, das Tier auf den Tisch zu stellen.

Immer noch kein Wort in meine Richtung. Es wurde palpatiert, Zähne inspiziert, Augen begutachtet … schweigend. Dann schaute sie Roy in den Anus, was wir beide nur semi-lustig fanden. Peinliches Schweigen. Finale der Untersuchung war ein wortloser Griff an seine Eier und die erste Ansprache: „Ihr Hund hat aber wirklich imposante Hoden!“. Plötzlich war ich so stolz, als hätte sie mir bei den Bundesjugendspielen die Ehrenurkunde im Stabhochsprung verliehen und wurde gleich ganz rotwangig. Überaus beseelt, bis leicht grenzdebil schielend vor Glück, schaute ich in die Royschen Rehaugen und auch er hatte das selbstbewusste Grinsen eines Gutbestückten im Hundegesicht. Da wusste ich, wir würden uns verstehen.

Es kam aber auch zu Missverständnissen. Als wir eines Morgens, ich noch willen- und brillenlos ob der nachtschlafenden Uhrzeit, er anscheinend schon mit einer mittelgroßen Menge TNT im Hundearsch, hinters Haus zum Erstgassi gingen. Wie die Kaisergemse auf Speed schoss mein Hund durch die Wiese und federte nur ab und an über die Grasspitzen.

Irgendwann kam er an, ganz stolz mit einem Stöckchen. Roythedog hechelte auf mich zu und wartete ganz gierig auf den ersten Wurf. Mit blindem aber beherztem Griff fand sich eine alte, schon fast versteinerte, Wurst Scheiße in der Hand. Schwer traumatisiert schmiss ich sie ins freie Gelände, der Hund sich glücklich hinterher. Für ihn einer der schönsten Tage seines jungen Lebens, für mich noch vor dem Frühstückskaffee herzhafter Würgereiz.

Richtig gefunkt hat es dann ein wenig später beim Besuch eines Ex-Freundes, der den neuen Hodenbesitzer in meinem Leben inspizieren wollte.

Roy war 3 oder 4 Monate alt und durfte manchmal auf meinem Sofa schlafen. Grundsätzlich lag er auf dem Rücken, alle Viere nach oben und den Kopf zurückgelegt wie eine ledergegerbte Mittvierzigerin auf der Sonnenbank. Schnarchend, japsend, meistens von Verfolgungsjagden oder Hundeswingerclubs träumend. Selbst als der Ex klingelte wachte er nicht auf, sondern schwebte weiter im Gassigangbanggalore.

Pssst, ganz leise und auf Zehenspitzen war’s ein wenig, als würde ich mein Erstgeborenes zeigen. Sehr zu bezweifeln, dass es so unglaublich viele schwarze Haare und diese tödliche Verwesungsflatulenz in mein Leben gebracht hätte.

Der Verflossene beugte sich übers Tier und öffnete den Mund um ein „Is der süüüüß“ zu flüstern. Er kam bis zum zweiten „Ü“, da hatte Roy eine Urinepisode im Wiesenrudeltraum. Der goldenen Strahl nach oben ging fontänenartig direkt in den Ex-Mund.

Da war die Hundewurst gebissen, der Pansen gelutscht und wir beide ein Team fürs Leben. Leider nur für seines. Ich hingegen ertappe mich manchmal immer noch dabei zum luftleeren Fußraum an der Ampel „Sitz!“ zu sagen.

Ach, Du Hund, danke für die fROYde!

*Fußnote: Wer jetzt denkt, der Text wäre mir leicht und heiter von der Hand gegangen – weit gefehlt, denn ich sitze in einem Eimer voll Tränen. Selbst die Tatsache, dass Roy ganz Rockstar an einer Überdosis Barbiturate gestorben ist, tröstet nicht. Einzig seine letzte Amtshandlung, mich post mortem noch anzuscheissen, werte ich als liebevollen Abschiedsgruß.

*Titelbild: Martin Fengel / Vice Magazine

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Die Geschichte vom italienischen Pfadfinder

26 Dez

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Fein säuberlich und äußerst gewissenhaft werden die lasterhaften Ausschreitungen des Sommers im Ordner „G20 Gipfel meines Unterleibs“ abgelegt und mit dem Etikett „die wirklich letzte Sause vor der Menopause“ archiviert. Hätte ich Enkel, könnte ich Ihnen am Kaminfeuer von meinen Abenteuern erzählen …

Es war Juli, die Hormone und ich machten Urlaub. Andere fahren für Dolce Vita an die Adria oder zwecks Lendenlambada an die Copacabana, mir reichte Augsburg. Engagiert um die Beletage von Freunden samt zugehöriger Upper-Class-Katze zu beaufsichtigen, wehte ich mondän im wallenden Hausmantel zwischen Flügel und Flügeltüren, die Elfenbeinzigarettenspitze lässig im Mundwinkel schaukelnd. Als mir diese Inszenierung, ob fehlendem Publikum und einer völlig gelangweilten Katze, zu öde erschien, verließ ich eines Abends das hochherrschaftliche Anwesen, um in die gut-bürgerlichen Niederungen der heiteren Lachamlechmetropole einzutauchen. Man torkelte trunken und schunkelte durch Spelunken zur letzten Attraktion, einer Lokalität mit dem lecker Namen „zur Brezn“.

Ein wirklich appetitliches Szenelokal für Jung und Alt, in dem die Drinks zu schneller Erblindung führen und das Interieur in komplett abwaschbar designt wurde. Gelandet und gestrandet war ich dort mit einem an jungen Männern interessierten Freund. Da dieses Interesse aufgrund seines tadellosen Aussehens zumeist auf breitgestreute Gegenseitigkeit beruht, buhlten in kürzester Zeit schon die ersten Fanboys um seine Aufmerksamkeit. Ich für meinen Teil war trotz einer überdurchschnittlichen Derangiertheit etwas überfordert von den Jungs, die ihre unglaubliche Menge an freifliegendem Testosteron nur mit Rangeln, Balgen, breitbeinigen Balzritualen und anderen grobschlächtig-großgliedrigen Selbstdarbietungen in Richtung Objekt der verbotenen Begierde bewältigen konnten. Weil Brüste in dieser speziellen homoerotischen Erstannäherung rein anatomisch nichts zu suchen hatten und weibliche Zeuginnen der Zurmädchenwerdung ganzer Kerle völlig unerwünscht waren, stand ich im Weg.

Die Rettung kam in Form eines leicht kastenförmigen jungen Mannes – den Kleiderbügel im zu engen Shirt vergessen, eine Panzerkette unterm Kinn, um dem Hals den richtigen Platz zu weisen. Die rassig-dunkle Oberkopfhaartolle eloquent im richtigen Winkel aufgestellt, war er mit treuherzigen, braunen Augen gekommen, um auf mich aufzupassen. Entzückend hilfsbereit bahnte mir mein Italienischer Pfadfinder mit tellergroßen Händen den Weg ins Etablissement und fand sofort wenige und dennoch sehr treffende Worte. Erst viel später sollte mir klar werden, dass es sich um seinen fast kompletten Sprachschatz handelte. „Musst Du keine Angst chaben, passe isch auf!“. Tränen der Rührung oder der Erheiterung, so genau kann ich mich nicht erinnern, stiegen mir in die Augen. Der Einwand in schon viel schreckenerregenderen Absteigen gewesen zu sein, wurde mit einem weiteren beherzten „Chast Du kein Angst, bin isch bei dsich!“ aus dem süditalienischen Weltbild gewischt.

Und so kam es, dass ich all die versnobten Konventionen und das Bedürfnis nach intellektueller Reibung für Gran Pardano de la Amore über Bord meiner inneren Titanic warf und ganz vorne am Bug mit Leonardo aus Kapernland unerschrocken in die Gischt der Leidenschaft tauchte. So fanden wir uns dann auf gewachsten Parktettböden und Art Deco Sitzgarnituren im Wohnzimmerballsaal wieder und meine Rolle als Retterin des kalabrischen Subproletariats in Richtung Bohème Sauvage wurde durch ein jähes „isse gar nischt modern diesse Wohnung!“ in die Schranken der individuellen Realität verwiesen … Nun denn, na ja, man konzentrierte sich fortan aufs Wesentliche.

Über den Akt an sich und den Mann im selben weiß ich, im Rahmen sedierter Erinnerung und reduzierter Vorgaben, nur Gutes zu berichten. Alles lief nach erotischem Plan bis es an der hochherrschaftlichen Haupttür klingelte. Mir war sehr schräg zumute und ich musste mich, den noch dampfenden Italiener zurücklassend, in einer Art „Turm-Von-Pisa-Pose“ in Richtung Eingang schieben. Ein entsetzter Blick der Putzfrau ließ Champagnerperlen platzen und mich im fahlen Licht eines Sonntagmittags im mittelbraunen Gastgebermorgenmantel zurück. Stille. Zwei Parallelwelten prallen aufeinander, die Schnittstelle ist für beide erschreckend und eine gemeinsame Sprache muss erst gefunden werden. Räuspern. „Ich komm zum Putzen, ausnahmsweise schon heute“. Ein Albtraum, die Reise zum Mittelpunkt der Erde, ich versinke schon mal im Boden. „Äh, es ist gerade schlecht, ich habe Besuch“ und reflexartig greife ich mir ins Haar. DAS HAAR! Die Frisur, mit der ich aus dem Haus ging, die mich fast mein ganzes Leben lang begleitet hat, ist verschwunden. Ein Wischmop wohnt über meiner Stirn. TickTackTickTack tropfen die Sekunden in Zeitlupe auf die Szene. Mein Gegenüber fängt erst an schüchtern zu gurgeln, geht dann in ein nervöses Kichern über und lacht zu guter letzt schallend und wissend. „Ahhhhh! Du hast Besuch … so, so … jaaaaa, dann komme ich morgen wieder!“. Frauen mit filzgefährdeten Fönfrisuren – wir verstehen einander.

Der wilde Ritt geht zu Ende und ein Italiener nach Hause.

Inzwischen haben die Hormone und ich uns zurückgezogen, um Winterschlaf zu halten. Genug südländische Nüsschen im Sommer gesammelt. Nun ruhen wir sanft auf Herbstlaub und genießen die Reminiszenz unserer Jugend.

 

Die letzte Sause vor der Menopause – ein Italienischer Liebhaber

5 Okt

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Ich wünschte, ich könnte im Brustton der brünftigen Überzeugung rufen „jeder braucht einen Italienischen Liebhaber!“. Aber werte Damen und Herren, das ist tatsächlich und in der fleischigen Realität nur was für ganz Hartgesottene, mit Nerven wie rohe Pasta und einer hohen Dramatoleranz, wenn es um die männlichen Primadonnen dieser Erde geht.

Im Zuge meines hormonellen Abenteuerritts lief mir also eines Abends auf der Koppel der ungezügelten Fleischeslust ein ungezähmter Süditaliener zu. Das Lasso der Libido schnalzte und ich war mittendrin im Zirkus aus Machismo Grande und Mamma-Mia-Katastrophen … Momentan sortiere ich noch die diversen Kapitel meines kalabrischen Survivaltrainings aber eine gar wunderbare Episode hab ich schon:

Nennen wir ihn Giovanni, entspricht allen gängigen Klischees, die man in Sachen Süditaliener so haben kann: Der Korpus leicht viereckig, nicht allzu groß, wenig Bein dafür um so mehr Brusthaar. Die hart aus der Norm trainierte Oberkörpermuskulatur vom goldenen Halskettchen zusammengehalten. Tiefstimmig, stopplig und durch ruppigen Charme bestechend. Holpriges Italodeutsch in tiefstem Bariton.

Der stolze junge Mann hält gerne Monologe und Vorträge, deklamiert dramatisch wie es um mich stünde, seitdem er weiß, dass ich kein Kind von Traurigkeit war und zeitweise als Schwester von Courtney Love mit Schaum vor dem Maul die Ecken der Diskos ausleckte.

„Läa“ – der Italiener per se kann das „e“ in meinem Namen nicht so gut leiden, fühlt sich aber sehr angezogen vom „ä“. „Läa, hast Du einmal Drogä genomme, wirst Du immer Drogä nehme!“ – er verabscheut Rauschmittel außer Jack Cola in suizidalen Mengen und hat auch noch nie irgendwelche Drogen konsumiert.

Ich bin in Berlin, besuche eine Freundin samt Kind. Wir entertainen den Sprössling und sind ganz manierlich im Charlottenburger Altbau. Was vormals das Berghain war ist nun Bananenbrei im Gläschen, die Afterhour gibt’s nur noch auf dem Wickeltisch. Da klingelt mein Telefon.

Es krächzt: „Läa habe isch Drogä genomme, weiß isch nicht wo isch bin! Bin isch allein, kannst Du misch holen?“. Da hat wohl jemand Dynamit in der Cannelloni. Mit Engelszungen erfrage ich aus meinem matschigen MDMA-Gegenüber die in sich aufgelösten Eckdaten. Ich höre Geschichten von einer After Hour, Nutten, Hells Angels und Drogencocktails. Ein Groschenroman des Rotlichtmilieus. Der Mann ist so breit wie hoch.

In Berlin wird mittlerweile das Kind mit grenzdebilem Singsang in Babysprache bespasst, um es davon zu überzeugen, dass so ein Kleinkinderleben dann doch nicht so ganz scheiße ist.

Giovanni steht am Rande der Stadt an einer Bushaltestelle und will vor lauter überbordender Serotoninausschüttung die Ampeln umarmen. Warum ich? Warum mir? „Läa, bin isch hier mit Hells Angels, lauter große Männer mit viele Tattoos, aber Läa habe isch keine Angst, bin ich mafiosisch!“. Das beruhigt mich ungemein.

Irgendwann habe ich ihn so weit in den Bus einzusteigen. „Läa muss ich Ticket machen!“. Zutraulich wie er ist brüllt er zum Einstieg „hab ich erste Mal in mein Läbän Drogä gemacht!“ ins Fahrzeug. Gut sediert ist rein zwischenmenschlich halb gewonnen im öffentlichen Augsburger Nahverkehr.

Inmitten von Lalala, lustigen Tanzeinlagen und fliegenden Bauklötzen klingelt wieder mein Handy:

„Läa bin ich so allein aber habe ich neue Freund gemacht“. Ah ja? Das wundert mich in dem Zustand gar nicht. Mein Ohr wird weitergereicht und ich spreche mit dem Busfahrer, der sich höflich als Bernhard vorstellt und vorsichtig fragt, was er denn nun mit den jungen Mann machen soll. Umsteigen soll er und dann heimfahren das fände ich am passendsten. Bernhard übrigens auch.

Charlottenburg zeigt sich unter lautstarkem Babyprotest von seiner sonnigen Seite und so traben wir, singend fürs Kinderwohl, durch den Schlosspark und machen uns zu kompletten Deppen.

Ahhhh, es klingelt: „Läa! Habe ich Bernardo (Anm. d. Verfasserin: Giovanni mag den Busfahrer) Deine Foto gezeigt, er iste ganze värliebt in Disch. Gebe isch Deine Handynummer und wir machen Termin! Können wir essen mit Bernardo Muschis (Anm. d. Verfasserin: Es handelt sich hierbei um Muscheln, der italienische Mann verwechselt da manchmal was). Du bist so eine übsche Frau!“. Ich bin dieser bahnbrechenden Idee zur Vermittlung meiner Weiblichkeit nicht wirklich zugetan, aber ich werde nochmal weitergereicht und mit Bernardo verbunden, dem ich freundlich erkläre dass die Stelle des Liebhabers momentan nicht vakant, weil schon mit dem im Hintergrund krakeelenden Kalabrier besetzt ist. „Sie ist nischt meine Freundin, Sie ist Single, Bernardo kannst Du machen Termin mit ihr!“.

Auch meine Berliner Freundin wird ans Telefon zitiert und intensiv befragt, ob sie denn auch Drogen genommen hätte. Linde lächelnd schaut sie dem Kinderkotzerinnsal auf ihrem Pulli hinterher und verneint, während wir unter Entsetzen die Wahlergebnisse verfolgen und Fischstäbchen verfüttert werden, die zur Feier des Tages und der AfD auch gleich wieder rauskommen.

In der Busline 42 ist die Stimmung hingegen am Siedepunkt, eine Laola der Herzen! Bernardo und Giovanni schwelgen in ihrer jungen Liebe und der Italiener verkündet, es gefalle ihm wirklich außerordentlich gut im Bus. So fährt er dann die nächsten drei Stunden immer wieder die gleiche Schleife zwischen Königsbrunn und Haunstetten, um alle 10 Minuten ein neues, quietschfideles Kupplertelefonat mit mir zu führen.

Bernhard der Busfahrer ist sehr interessiert und gibt mir schließlich seine Handynummer. Am Ende eines langen Tages habe ich gefühlte 80 Kinderlieder interpretiert, 20 Telefonate abgewickelt und keine Sorge mehr in diesem Leben Single zu bleiben. Giovanni landet irgendwann über Umwege und nach 3 Dönern, bei denen ich mich frage, wie er die kauen konnte, doch noch in seinem Bett. Und die Moral von der Geschicht? Verführe kleine Italiener nicht.

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Immer zu Diensten!

16 Jul

 

Unter dem Motto „Die letzte Sause vor der Menopause“ gebe ich nochmal Gas auf der Überholspur des faden Daseins. Ich trinke zu viel, rauche in Schmidt’schen Dimensionen und treibe mich rum. Tag und Nacht, die Zügel der altersinduzierten Alt-Gesund-Vegan-Heilig-Selbstdisziplin ganz locker.

Es gäbe viel zu erzählen, wunderbare Schoten und Zoten, aber leider ist mir das zu privat. Frivol möchte man ja auch nicht sein. Zumindest nicht in offiziell schriftlicher Form …

Nun aber den Gaul gesattelt, die Trense maulwärts und einen freundlichen Tritt ins weiche Fleisch: Ich machte eine Reise, Städtereise in die ehemaligen Ostgebiete der Republik. Leipzsch, wie der Einheimische es durchs Zonenzäpfchen zischelt. Ansporn dieses Ausfluges war es nicht in Trekking Sandalen den geilen Bildungsrentnern durch die Innenstadt hinterher zu tattern. Nein, vielmehr sollte man auf zarten, manikürten Händen nach Pomp und Gloria getragen werden …

Ein Geburtstag. Die russische Mutter eines ebenso russischen Ehemannes, der wiederum mit dem hessischen Bruder einer ebenso hessischen Freundin von mir verheiratet ist. Bei völligem Unverständnis der Familienkonstellation, zeichne ich gegen einen Unkostenbeitrag von 5 Euro und Übernahme der Portokosten gerne einen Behelfsstammbaum zum besseren Verständnis. Im Rahmen der Feierlichkeiten kommen also vor: Ein Hesse, verheiratet mit einem Russen, die Schwester des Hessen, die Eltern der hessischen Geschwister, der Russe, die Mutter des Russen, die Schwester des Russen und die Tochter der Schwester des Russen. Und ich. Zu dieser Runde gestoßen, wie die Jungfrau zum Kinde. Wobei ich vermutlich wesentlich mehr Spaß hatte als eben diese.

Ankunft in der Zone. Ich treffe auf meine Freundin Sandra K. aus FFM, es wird ein extra für uns gebuchtes Zimmer im 20. Edelhotelstock bezogen, Panoramablick, versteht sich. In meinem Gepäck ein Spannbettlaken mit Namen „Bella Donna“, das aufgrund eines Malheurs nicht in der Wohnung meiner vorherigen Gastgeber in Augsburg bleiben konnte. Es wird also im Rollenkoffer mit mir weiter durch Deutschland reisen. Bei meinem nächsten Stopp in Frankfurt wird es dann gewaschen werden, aber das tut nichts zur Sache.

Sandra K. und ich werden ins Steigenberger an die Bar bestellt, um die Gastgeber zu treffen. Wir fühlen uns ganz dekadent, ordern eine Flasche Cremant, spreizen den kleinen Finger ab und auf unseren Köpfen wachsen Prinzessinnenkrönchen. Das illustre Paar erscheint – zwei schöne Männer, in schönen Kleidern, nicht auffällig aber auffällig gut gekleidet, onduliert und abgepudert. Einer sieht aus wie meine Freundin Sandra K. und der zugehörige Ehemann könnte auch den Zar gestürzt und der Leibgarde den Kopf abgebissen haben. Imposant russisch und bis zum Eckzahn großzügig. Letzteres gilt für beide.

Unser Pseudoprinzessinnengetue wird mit einer leicht nasegerümpften Geste in Richtung Ober nonchalant weggewischt und der Kastratenschaumwein durch echten Stoff ersetzt. Geld und Champagner fließen, ich bin eingeladen, während mir kurz und perlend durch den Kopf prickelt, dass die Zeche von 30 Minuten ungefähr meinem Tagessatz entspricht … Dies ist eine Ode an den Überfluss, den Reichtum und ein Hoch auf den Kapitalismus! Ein Ausflug ins Land von Milch, Honig und hochpreisigem Schaumwein. Allen das Gleiche? Nein! Mir das meiste! Ich scheiß auf all die kommunistischen Manifeste, Eure Armut kotzt mich an. Naja, zumindest an zwei Tagen im Jahr.

Tag Zwei trifft man sich im Downton Abbey der Neuzeit. Sanft surrend öffnet das schmiedeeiserne Tor den Blick auf ein Schlösschen, mitsamt einem Rasen, auf dem der Gärtner in Festanstellung, sich die Zeit damit vertreibt, das Gras mit Geodreieck und Nagelschere zu stutzen. Bei einer Führung der hausbesitzenden Herren durchs Herrenhaus, muss ich mich ermahnen nicht aufzukreischen, wie ein Teenager der auf der Doktor Sommer Seite in der Bravo seinen ersten Penis sieht … Schönheit mag es in vielen devisenunabhängigen Darreichungsformen geben, aber eben diese zastergeschwängerte, unermesslich teure Variante, die hier von den Decken hängt, auf den Böden fließt, sich an den Fenstern spreizt, die ist besonders schön. Teppiche, so weich, dass Füße versinken möchten, Tapeten in Farben, so strahlend, dass man sich an Wänden reiben möchte … Einladend ausladend und bis zur goldenen Oberkante mit Geschmack gefüllt.

An großen Tafeln wird getafelt. Glasuren und Marzipanrosen drapieren sich in allerlei Pastelltönen auf nicht enden wollendem luftigem Zuckergebäck während die russische Nichte nicht enden wollend in die Handykamera schmollmundet und pubertierende Duckfacegrüße ins transsibirische Hinterland schickt. Die zugehörige Mutter schickt nichts. Keinen Ton, keine Interaktion und nicht mal ein Zucken ihrer Mimik. Das macht die schöne Jubilarin wett, die mit ihren 70 zwar kein Wort Deutsch spricht aber mit heiterer Herzlichkeit und großen pantomimischen Fähigkeiten ihres Puppengesichtes glänzt.

Schon unter völligem Realitätsverlust leidend, verbringe ich Stunden in Schaumwein badend bis es draußen etwas zu heiß wird und Sandra K. aus FFM und ich einen Rundgang durch die hochherrschaftlichen Hallen starten. Wir landen im türkisen Gastgeberschlafzimmer, vor der ledervertäfelten Schrankwand in schillernden Petroltönen. Am Kaffeetisch wurde über die neuen Dienstmädchenuniformen geplaudert und siehe da, ein Exemplar ziert den Spiegel im Schlafgemach und da stecke ich auch schon drin. Drall und prall, in Flieder und Grau, mit Schürzchen und platzendem Ausschnitt, in der Hand den herrenlosen Staubsauger aus der Besenkammer. Anarchistische Dienstbotensatire auf halb pornografischer Grundlage. Sandra K. aus FFM und ich wälzen uns wild lachend auf dem Hochflorigen, üben Erobererposen mit dem erlegten Hovercraft, schweben durch eine perlende Galaxie des sich erhebenden Subproletariats …

bis sich ein Schatten in den Türrahmen schiebt. Wir schielen durch den Schampusschleier auf die Jubilarin. Schockschreckschwerenot! Stirnfalten bilden sich bei ihr, Augenbrauen werden gen Scheitel gezogen und der Mund spannt sich zum Angriff. Sandra K. aus FFM und ich schauen uns an. Rauswurf, lebenslanges Schlossverbot, Enterbung, Einkerkerung im Untergeschoss …. Der Mensch braucht Visionen. Leise brummend wogt der mütterliche Brustkorb und die Russin unserer Herzen lacht – laut, schallend und so, dass man auf der Stelle Kasatschok mit ihr und der Welt tanzen möchte.

-> Fortsetzung folgt.

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FRÜHLING, ich hör Dir wachsen!

22 Mrz
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Bild & Bearbeitung: Thomas Zufall

Das Grün knospt am Baum und kriecht in fotosynthetischer Ekstase das Blatt entlang. Die Sonne glüht schon vor, um mir ganz bald die Kopfhaut zu berauschen. Ich will kein fahles Graubraun mehr anschauen. Fauna, Flora, Straße, Himmel, Hund, mein Haaransatz und sogar die Leuchtreklame des Frischemarktes gegenüber – alles Graubraun.

Frühling! Um Dich zu locken, habe ich eine warme Sommergeschichte gefunden. Als ich Frühjahrsputz im Kopf machte, das Oberstübchen oberordentlich ausfegte, lag die da rum. Gar nicht wirklich eine Geschichte, eigentlich nur ein Bild, die Momentaufnahme eines vorbeiwehenden Augenblicks, in dem Untergiesing liebevoll zum Einstand zeigte, wie heiß es hier zugeht:

Hans-Mielich-Straße, München, ein Tag im September 2016:
Es ist früher Abend und das Tier trabt lippizanisch elegant neben mir her und hebt die Pfötchen extra affektiert beim Ausschreiten. Ich tue es ihm nach und schwenke mein Gesäß wie ein Revuepferd, als wir kichernd ob unserer Albernheiten in die Straße einbiegen.

Der kommende Anblick verbietet jedwede Beschleunigung und wir bremsen ab zu fast schon pantomimischer Zeitlupe. Gucke durch eine ebenerdige Fensterfront, an der gehäkelte Gardinen zart im Abendwind tanzen. Zwischen einer guten Deutschen Eicheschrankwand und dem gefliesten Wohnzimmertisch sitzt ein Berg gebräunten, nackten Fleisches mit dem Rücken zu mir auf einer gebräunten Couch, vor sich einen Berg gebräunten Tellerfleisches und eine ebenfalls sommerlich gebräunte Bierflasche. Ich kann den Menschkoloss nur anhand ein paar vereinzelter Härchen vom Ledersofa unterscheiden. Im Flachbildschirm gegenüber läuft lautstark die Sportschau und ich bemerke, dass seine Haare sich synchron zur Fußballübertragung bewegen. Energisch stellen sie sich in die Laufrichtung des favorisierten Teams, während der Fleischberg nur ab und an emotionslos wabert. Mein Blick wandert weiter durchs Wohnzimmer und bleibt an einer dampfenden Bügelstation hängen.

Wie im Autsoscooter gleitet das Eisen an seiner Antennenleine behende durch Krägen, über Falten, in Ärmel. Die Leitung der Mission wird von der Dame des Hauses übernommen, Frau Fleischberg, vielleicht Mitte 60, ihres Zeichens lederhäutige Herrscherin über Tellerfleisch und textile Faltenfreiheit, Königin des Hemdenplättens und stolze Gallionsfigur dieser Erdgeschossetagenwohnung.

Energisch und doch verträumt bügelt sie im Takt zum Spiel. Und während sie so fröhlich durch die Fasern fährt, schwingen ihre langen, nackten Busen, perfekt choreografiert, mit der Stadionlaola. Raum, Anstand, Etikette und Zeit vergessend stehe ich eine ganze Weile vor diesem Sommermärchen der Freikörperkultur. Als mein Kopf, mitten in Untergiesing auf der Hans-Mielich-Straße, mit fremden Brüsten schwingt, entferne ich den Hund und mich geschwind.

Also, Frühling, Oida, lass Dir was einfallen, denn das wird unser erstes Mal in Untergiesing!

Roythedog

14 Feb

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Roythedog, Roy der Hund, bessere Hälfte meines Blogs – viel zu wenig ist er aufgetaucht in diesen unseren gemeinsamen Alltagsmemoiren. Ich schäme mich, trage schwer an der Schuld, der Hundeschuld. Vorgedrängelt habe ich mich, ihn rausgeschrieben, ferngehalten von Ruhm und Ehre. Mir war klar, er würde mir den Schneid abkaufen, meinen Fame klauen, mir das Rampenlicht nehmen. Ist er doch eigentlich der Glamourösere von uns beiden.

Ein richtiger Stenz war er in jungen Jahren. Mit stolzgeschwellter Brust hüpfte er wie ein Zicklein durch Wiesen und Wälder, wild-romantische, ja wahrscheinlich philosophische Botschaften bieselnd und in den höchsten Tonlagen kläffend. So hoch, dass ich in schwachen Momenten überlegte ihm die Stimmbänder durchtrennen zu lassen. Das mit dem Hundsein war ihm zu einfach, zu platt, ja vielleicht sogar zu unterkomplex. Er war stets bemüht um gepflegte Manieren und ein tadelloses Äußeres. Ein Reh, im falschen Körper geboren. Gekommen, um den felligen, bellenden Pöbel mit Nichtachtung zu strafen.

Jetzt ist er alt, der Roy. Ein Hunderentner mit diversen geriatrischen Zipperlein. Das Herz zuckt nicht mehr im Takt, seine Schilddrüse singt ein schräges Lied, die Ohren gaben kürzlich ihr Abschiedskonzert und bei den Augen ist auch kein schillerndes Comeback mehr zu erwarten. Greise und invalide stöckelt er auf Kastanienmännchenbeinen durchs Dasein und ich hinterher. Wenn wir spazieren gehen und ich ihn von der Leine lasse bin ich immer auf dem Startblock. Denn sollte irgendeine Unwägbarkeit aus dem Unterholz brechen, würden meine Rufe, egal wie laut und forsch, im luftleeren Raum aber nicht im tauben Hundeohr erklingen. Also sprinte ich los und laufe schnellstens in sein trübes Sichtfeld. Dort gebe ich durch wildes Gestikulieren bekannt, er möge doch bitte stehenbleiben. Aus den Blicken der Umstehenden und -gehenden lese ich regelmäßig Furcht – vor mir, der wahnsinnigen Wedlerin. Ich kann sie verstehen, denn ich muss aussehen wie eine dem Irrsinn verfallene, betrunkene Flugbegleiterin inmitten der Notausgang-Pantomime.

Aber was soll’s, es hilft. Und so ziehen wir unsere greisen Kreise. Manchmal treffen wir auf unseresgleichen. Ältere Menschen mit alten Hunden. Da nehme ich ihm allerdings wirklich übel, dass er sich nach einmal Afterschnüffeln wegdreht und ich weiter mit den zugehörigen Arschlöchern rummachen muss.

Mann mit Minipli-Frisur in Vornenixmehrundhintenlang kommt mit grauem, vierbeinigem Knödel auf uns zu. Beide hecheln. Der eine, weil er zu viel geraucht hat und der andere weil er fett ist. Schnellfickerhose aus Ballonseide in Lavendel, mein Alter, nur mit weniger Zähnen und Ehrgeiz in Sachen Körperhygiene. Ich hechle auch – kurz meinem Fluchtimpuls hinterher. Zu spät. Im Tierreich werden Rosetten gezeigt.

Ich streichle den Fellklops, damit ich mit dem anderen Ende der Leine nicht sprechen muss. „Du hast aber weiches Fell!“ (Gespräche mit Hunden sind sehr praktisch in solchen Situationen. Man wirkt kommunikativ, bekommt aber vom Tier keine Antwort. Ein herrlich dialogfreies Miteinander). Funktioniert leider nicht immer: „Spürst nicht die Huckel unterm Fell? Sind Alterswarzen. Da waren wir gerade beim Tierarzt deswegen?“

Was ich spüre? Ich möchte, dass die nun leicht pelzige Hand kein Bestandteil meines Körpers mehr ist, will sie auf dem dermitisch bedenklichen Hunderücken zurücklassen, eigentlich meinen ganzen Körper verlassen und nie dagewesen sein. Schwer hebe ich meine kontaminierte Betonhand vom räudigen Köter und stecke in der Falle eines sich fortsetzenden Gesprächs. Mein taubes royales Reh schnuppert verträumt acht Grashalme weiter an Hundekot und tut so, als wären wir uns noch nie begegnet.

„Wie heisst er denn?“ presse ich mir beim Ausatmen aus dem Zwerchfell.

„Jeanny hoassts. Weißt wie des oane geile Liadl vom Falco, wia ma no jung warn, des wos dann verbotn ham! Weis denkt ham der hod de do gschnackselt, woasst scho! Mei des warn hoid no Zeitn, damals, de 80er, woasst as no ….“ Die Minuten werden zäh wie alter Kaugummi während ich zwischen Mundgeruchmonolog und Krätzefell stehe und bleibe.

Da hechtet mein Hund behende aus dem Gebüsch, schlägt einen Haken, hüpft wie ein Hase und rennt, um sein Leben und auf ein Eichhörnchen zu. Er! Der lahmende Blinde! Er! Geboren ohne Jagdtrieb, bellt mit tiefer Stimme und animalischer Aggression in den Abendwind und ans Hörnchen hin!

Entschuldigend lächelnd springe ich davon, Roythedog hinterher, beseelt über die Gassiwiese, den Häufen ausweichend und glücklich über meinen Retter, Helden und SUPERROY!

Ich liebe dieses Tier.

 

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Beate, wie Uhse …

18 Jan

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Im Hausflur traf ich sie das erste Mal. Eine ältere Dame – winzig, humpelnd, bestockt und stoisch fröhlich bayerte sie „mei schee, sie san die neue Nachbarin und a Zamperl hams a!“. Willkommen in Untergiesing, dem untergentrifizierten Dorf am Rande des Rings, wo noch rüstige Rollatorenrentner und urwüchsige Bierbauchwüchse originalbayrischen Wuchses durchs Großstadtambiente schieben.

Bei einem weiteren Treppenhaustreffen hatte sich Beate, wie ich sie inzwischen duzen darf, die Schulter gebrochen. Das zweite Mal, wie sie mir gelassen, in einem Atemzug mit der künstlichen Hüfte, dem Herzschrittmacher und der über Jahre konsequent angesoffenen Leberzirrhose erzählte. Während ich ihre Taschen ein Stockwerk weiter trug, fragte ich höflich, ob ich ihr denn helfen könne, da ja die Schulter futsch war. Keck lächelte sie durch die kleine Brille mit den Glitzersteinchen zu mir hinauf und während ich mit altvorderlicher Scheu rechnete, kam „mein Kopf kanntens ma waschn!“ retour. Erschrocken und verzweifelt nach Distanz rudernd wand ich sachte ein, dass ich über die Feiertage und länger nicht da wäre. „Dann rentiert sich’s Kopf waschen doch erst richtig!“. Die Vision von fettiger Kopfhaut an meinen Fingerkuppen feierte mit mir Weihnachten und ich plante überstürzt meinen Auszug.

Nach längerem innerlichen Gerangel mit mir und der Erinnerung an ein hinternwischendes Krankenhauspraktikum, finde ich Chuzpe und Contenance wieder und erscheine zum Haarwaschtermin. Im vollgeladenen Wohnzimmer stapeln sich Katzendevotionalien. Kissen, Figürchen, Decken, Bilder sogar ein Wandthermometer schnurren im Takt der Miezenuhr an der Wand. Zwischendrin ein erleuchteter Plastikchristbaum und der schon gedeckte Kaffeetisch. Zerkleinerte Wurst auf einem Tellerchen hat den Deutsche-Eiche-Ehrenplatz ergattert. „I hab’d Wurst scho heid in da Früh raus ausm Kühlschrank, damits Zimmertemperatur hod fürs Zamperl!“ – das Leaherz es schmilzt so schnell dahin, wie dem Tier das Wasser aus dem Hundemunde tropft.

Ihre Haare, es sind nicht so viele, sind schnell gewaschen. Gefährlich wird es nur ganz kurz, als der blonde Tönungsfestiger, schätzungsweise 1976 palettenweise im Sonderangebot erstanden, leichte Verätzungen und schwere Verfärbungen meiner Hände verursacht.

So sitzen wir irgendwann beide erleichtert und gesäubert wieder auf der Sofagarnitur und während man die Vierschanzentournee im TV kommentiert, kommt man sich näher bis zum gemeinsamen Geburtstag am 14. September. Frisch verschwestert sind wir dann auch schon per Du. „Also, gell, ich bin die Beate. Wie die Uhse, bloß ned a ganz a so versaut. Und tot bin i a no ned!“. Ich lache so sehr, dass die textilen Katzen auf meinem Sessel Frotteepolka tanzen. Weil wir gerade schon so vertrautversaut beisammen sitzen, erzählt mir Beate, dass der nette griechische Opa unter mir sie beim letzten Krankenhausaufenthalt abgeholt hat und sogar den Koffer nach oben trug. Will grade ansetzen, wie ehrenhaft und manierlich das doch ist, da lacht sie etwas kehlig und kichert „i woaß scho warum der des gmacht hat!“. Also ich ja nicht, aber die Erklärung folgt noch im abklingenden Kichern „nackert wollt er mich halt sehen. Aber da kann der lang warten!“.

Jetzt ist meine neue Freundin im Krankenhaus zur Schulteroperation aber nicht ohne mir ein kleines Präsent zu hinterlassen: Gestern in meinen Briefkasten wartete ein ca. 3 Tage alter Schrumpelknödel, der mal ein Krapfen war und zwei kleine Wienerwürstchen, die mit einem Haushaltsgummi aneinander gekettet sind. Alle milden Gaben sind einzeln nochmal in Frischhaltefolie gepackt und etwas deformiert, da sie durch einen kleinen Briefkastenschlitz gepresst wurden. Vorn dran ein blauer, blumenverzierter Zettel auf dem in krakeliger Schreibschrift steht „Liebe Lea, das ist für Dich und Roy. Schönen Tag und Herzliche Grüße Beate“ …

Ach Beate, Du Gute!